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Home Is Where The Heart Is 2



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„Naja, sieh dich erstmal in Ruhe um. Ich sage dir Bescheid, wenn es Abendessen gibt, ja?“
„Okay“, erwidere ich mit belegter Stimme, dann schließt er die Tür hinter sich.
Nicht zu fassen, dass dieser naive Grobmotoriker mein Vater ist.

„Ich bin in der Hölle…“, seufze ich verzweifelt und lasse mich auf das Bett mit der Blümchendecke fallen. Die Matratze gibt ein ächzendes Geräusch von sich. Die Vertonung meines momentanen Innenlebens.
Mit einem kräftigen Beinschlenker entledige ich mich erst meines rechten, dann meines linken Schuhs. Seit ich die Schuhe in meinem Lieblingsschuhladen entdeckt habe, trage ich kaum noch andere. Ist doch schließlich praktisch, sie ausziehen zu können, ohne die Hände zu benutzen.
Und da liege ich nun und starre an die Decke, die zu allem Überfluss mit lauter Sternchen-Leuchtaufklebern verschönert worden ist, wie ich auf den zweiten Blick erkennen muss. Wie kommen bitteschön diese Sticker an die Decke? Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemals ein Kind freiwillig in diesem Zimmer gelebt hat, und genauso wenig kann ich mir vorstellen, wie mein Erzeuger fröhlich summend Aufkleber an der Decke verteilt, um mir eine Freude zu machen. Oder damit ich im Dunkeln keine Angst bekomme.
Eine Deckenlampe gibt es nicht. Bloß eine alte Funzel auf dem Tisch unter dem Fenster. Irgendwo tickt eine Uhr, aber ich kann keine entdecken.
Schwerfällig richte ich mich wieder auf und gehe zum Fenster hinüber. Fenster geputzt hat er anscheinend nicht. Nicht, dass ich Wert darauf lege.
Wenn ich rausschaue, sehe ich nichts außer Weiß. Weiß, weiß und nochmal weiß. Ich bin definitiv der Sommertyp, deshalb kann ich dem Schnee dort draußen wenig abgewinnen. Schnee ist kalt, nass und … kalt. Ich denke, das sind genug Argumente, ihn nicht zu mögen.
Na gut, ich sehe Weiß und ein paar verschneite Dächer. Wenn ich den Kopf fast an die kalte Scheibe lege, entdecke ich in weiter Ferne einen Kirchturm. Anscheinend habe ich den Blick zur Straße erwischt.
Auch wenn das in diesem Kaff absolut keinen Unterschied macht ob Straße oder tiefste Wildnis. Ich habe nämlich nicht das Gefühl, dass Groß Heederfeld, der Name spricht für sich, ein beliebtes Reiseziel ist. Ob es auch Klein Heederfeld gibt? Unmöglich, ein kleineres Kuhdorf als dieses hier kann gar nicht existieren.

Mir wird kotzübel, wenn ich überlege, wie viel Zeit ich auf diesem zivilisationsfernen Stück Erde verbringen muss. Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag sind es noch ganze acht Monate und drei Tage, also 243 Tage, wenn man von 30 Tagen im Monat ausgeht. Das macht 5832 Stunden. 349920 Minuten. 20995200 Sekunden. – Das werde ich nicht überleben!

Ich muss mir dringend eine Überlebenstaktik überlegen. Knackis lernen oft Sprachen, habe ich gehört. Luther hat die Bibel übersetzt. Bonhoeffer hat Gedichte geschrieben. Leider kommt für mich nichts davon in Frage.
Ich könnte mich einfach in dieses knarrende Bett legen und für die nächsten 243 Tage nicht mehr aufstehen. Das würde aber mit Sicherheit üble Thrombose geben. Muss nicht sein.
Aber irgendwie muss ich bei Verstand bleiben in diesem Nest.

Zögerlich öffne ich eine meiner Taschen. Was ich suche, liegt zum Glück ganz oben, eingepackt in Luftpolsterfolie und Backpapier. Fast bedächtig hole ich es heraus und lege es aufs Bett, bevor ich mit dem Auspacken beginne.
Als ich das letzte Stück Folie entfernt habe, lachen mich glückliche Gesichter an. Ein Foto aus unserem Italienurlaub letztes Jahr. Mann, das war ein Sommer. Darunter noch ein Foto aus dem gleichen Urlaub, hier sehe ich allerdings schon ein wenig angeschlagen aus. Ich erinnere mich noch erschreckend genau, wie ich Ralf, unserem Betreuer, in dieser Nacht fast vor die Füße gekotzt hätte. Keine besonders angenehme Erinnerung, doch jetzt gerade wäre ich liebend gern wieder dort.
Ein anderes Bild zeigt Max in einem geblümten Kleid seiner Mutter. Ich muss grinsen. Da war diese Wette, die er gegen mich verloren hat…
Max und sein Lieblingsnachthemd!, steht neben dem Bild mit einem Smiley dahinter.
Aus meinem Grinsen werden plötzlich feuchte Augen. Schnell wende ich mich ab. Das ist doch jetzt wirklich kein Grund, sentimental zu werden! Dann sehe ich meine Freunde eben ein paar Monate nicht, dann feiern sie eben ohne mich Silvester am Brandenburger Tor und machen Kreuzberg ohne mich unsicher. Gar kein Problem. Nächsten Sommer bin ich ja wieder zurück.
Scheiße, ist das eine Träne? Ich wische sie schnell mit dem Ärmel weg. Das fehlt mir auch noch, dass dieser Grizzlybär mit Strickmütze raufkommt und mich heulend neben dem Bett sitzen sieht. Ich bedecke die Collage schnell wieder mit Backpapier, sonst kann ich mich nicht mehr zurückhalten. Seufzend nehme ich mir fest vor, meine Abschiedsgeschenke so schnell nicht wieder aus der Tasche zu holen.

Unschlüssig stehe ich nun inmitten der vollgestopften sieben Quadratmeter und versuche, eine nahende Depression zu verhindern. Zu gerne würde ich Mama dafür hassen, dass sie mich in dieses Kaff geschickt hat, zu diesem bärtigen Holzfäller, in dieses Erdloch mit dem knarrenden Bett, aber ich kann nicht, weil es nicht fair wäre. Sie ist nicht Schuld. Genauso wenig wie ich oder sogar mein besagter Erzeuger. Ich kann es nicht ausstehen, wenn niemand Schuld ist. Es wäre in diesem Moment einfacher, an Schicksal zu glauben, oder an Gott, nur um einen Sündenbock zu haben, doch leider bin ich in jeder Hinsicht ungläubig.
Die verhasste Traurigkeit verwandelt sich in Resignation. Erst jetzt, als ich die dunkle Raufasertapete und die Leuchtsterne an der Decke noch einmal begutachte, merke ich, dass ich erschöpft von der langen Fahrt im Zug und schließlich im unbequemen Taxi bin. In der letzten Nacht habe ich nach einer langen Abschieds-Kreuzberg-Tour mit Max und den anderen kein Auge mehr zubekommen. Jetzt überrollt mich die Müdigkeit wie eine Riesenwelle.

[...]


Umbrella
24.7.11 19:41
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cally (25.7.11 21:34)
Zuerst mal: Gott sei dank ist hier wieder was geposted! Und ich bin hocherfreut, dass die Geschichte weitergeht
Ich mag deine Protagonisten immer gerne. Die sind so herrlich zickig, sarkastisch und weltschmerz gebeutelt :D
Du musst unbedingt weiterschreiben!
'Schnee ist kalt, nass und … kalt.' <3

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