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Es ist nie zu spät



Du hast schon immer gesagt, dass du hier weggehen willst. Wohin wusstest du noch nicht so genau, aber weg. Früher wolltest du mal nach Berlin. Dann nach Schweden, eine konkrete Stadt hast du mir nie genannt, wahrscheinlich, weil du keine kanntest. Irgendwann hast du auch mal über New York nachgedacht, aber nur kurz, da wollten schließlich alle hin und du bist ja was Besonderes. Kurz vor der zehnten Klasse hast du auch mal was über Nairobi gefaselt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du nicht mal genau weißt, auf welchem Kontinent das liegt. Als wir in Erdkunde China behandelt haben, wolltest du da unbedingt hin und wegen Englisch musste es auf jeden Fall Australien sein. Später haben wir in Geschichte über Italien geredet und du hast wieder angefangen zu träumen.
Ja, träumen. Denn obwohl du so dringend weg wolltest, bist du irgendwie immer hier geblieben. Du wolltest weg, weg von den Kuhherden, den Dorfdiskos, die nur bis 22 Uhr gingen, weg von den Rosentapeten, Zierdeckchen, Gartenzwerge, weg vom Schützenverein, vom Fußballverein, der eh immer nur in der Regionalliga spielen würde, egal wie sehr du dich ins Zeug legst. Das ganze Dorfleben, die Idylle, die deine Eltern so fantastisch gefunden haben, hat dich mächtig angekotzt. Schon immer.
Von klein auf warst du der Dorfrebell. Du hast mir Punkrock, die Simpsons und Cola-Korn gezeigt und mir Kiffen und ordentlichen Bundesligafußball beigebracht. Als du deinen Führerschein hattest, bist du mit mir Autobahn gefahren, mit keinem Ziel, einfach das Gefühl haben, frei zu sein. Es hat mir gefallen, aber für mich war es immer ein Spiel. Ich hab eigentlich gewusst, dass ich hier nie wegkommen würde, wozu auch. Hier waren meine Freunde, meine Familie, mein Schützenverein und mein Fußballclub. Auch wenn du es gehasst hast, es war mein zuhause, ich kannte und wollte es nicht anders, nie. Sogar die Rosentapeten, Zierdeckchen und die blöden Gartenzwerge mochte ich, sie waren Geborgenheit für mich. Und für dich ein Alptraum.
Ich glaube, eigentlich hätte ich all diese Wünsche und Sehnsüchte auch haben müssen, nicht bloß du. Auch ich hätte genervt sein müssen von den Kühen und dem öden Nichtstun. Aber ich war es nicht, weil ich nicht bin wie du. Ich bin faul und bequem und ängstlich. Eine Reise in ein Land, dessen Namen ich nicht einmal aussprechen kann, wäre entsetzlich für mich, aber für dich wäre es das Spannendste, das dir passieren kann. Die Dorfidylle stört mich nur deshalb nicht, weil sie immer gleich bleibt. Ich muss nichts an ihr ändern, ich muss nicht nachdenken, ich habe meinen festen Platz und weiß, was von mir erwartet wird. Das ist einfach, sicher und es hat mir gefallen. Ich bin nur ein Angsthase, du warst ein Entdecker und ich weiß jetzt, dass ich dich hätte bewundern sollen.
Wahrscheinlich habe ich dich nie so ernst genommen, wie ich es hätte tun müssen. Ich dachte immer, wir beide würden ewig hier bleiben, alt werden, später unsere Kinder auf die Dorfschule schicken und sie nachmittags zum Fußballtraining fahren. Das war meine Vorstellung von uns. Sie war hier, unsere Zukunft war hier, und für mich war das in Ordnung. Dich hätte so ein Leben wahnsinnig gemacht. Selbst wenn du es gelebt hättest, du wärst unzufrieden gewesen, du wolltest reisen, entdecken, sehen, einfach weg. Ich glaube, langsam wird mir klar, dass das alles dein Ernst war, nicht bloß Teenagerfantastereien. Genau so wolltest du dein Leben und nicht anders. Ich dachte früher, du änderst deine Meinung, wenn wir die Schule hinter uns haben oder das Studium. Aber du hättest deinen Traum nie aufgegeben, das weiß ich jetzt. Und ich könnte meinen Kopf gegen die Wand schlagen, weil ich dich nie dabei bestärkt und unterstützt habe, deinen Traum zu verwirklichen. Ich hab ihn immer kopfschüttelnd als unrealistisch abgetan und ihn damit zerstört. Es tut mir Leid.
Manchmal denke ich darüber nach, was passiert wäre, wenn du wirklich weggegangen wärst. Nach Berlin, Schweden, China, was weiß ich. Du hättest dir alles angesehen, den Glanz jeder neuen Stadt in dich aufgenommen, ihn eingesogen wie ein Schwamm. Wahrscheinlich hättest du mir Postkarten geschickt, du hast es selber geliebt, welche zu bekommen, die bis zum Rand bekritzelt gewesen wären. Du hattest immer viel zu erzählen, also hättest du sicher auch ein Notizbuch mitgenommen. Und eine Kamera. Vielleicht wärst du alle paar Monate nach Hause gekommen, um mir Bilder zu zeigen, mir Geschichten zu erzählen. Dann hättest du dich umgesehen, die Dorfidylle höflich belächelt und wärst nach einer Woche wieder geflohen, in die Weite der Welt, die dir mehr zu bieten hat, als deine tödlich langweilige Heimat. Du wärst wieder losgezogen, neue Abenteuer zu erleben, neue Städte zu sehen, neue Menschen zu treffen. Ich hätte dich vermisst. Aber du wärst sehr glücklich gewesen.
Der Gedanke spukt immer wieder in meinem Kopf herum. Du wärst glücklich gewesen. Ich kann an nichts anderes denken, auch wenn ich eigentlich zuhören müsste. Der Pastor erzählt von dir, von deiner Kindheit. Wie fleißig du dich immer am Konfirmandenunterricht beteiligt hast. Dass du beim Fußballverein warst, von klein auf, und im Schützenverein. Wie aufgeweckt und freundlich du warst, sprühend vor Lebensfreude. Und wie sehr du deine Heimat geliebt hast. Mir wird schlecht.
Während die Frau des Pastors an der kleinen Orgel der Dorfkirche zu spielen beginnt, erheben wir uns alle und gehen im Gänsemarsch nach vorne. Das halbe Dorf ist gekommen, um sich von dir zu verabschieden. Zuerst natürlich deine Eltern, dann deine Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen. Als ich an deinen Sarg trete, habe ich das Gefühl, dass mich alle anstarren. Ich kann sie ganz leise tuscheln hören, sein bester Freund, armer Junge, sagen sie.
Hey, flüstere ich heiser. Wie benommen starre ich dich an und obwohl das peinlich ist und wir uns mit sechs geschworen haben, das nie wieder zu tun, fange ich an zu weinen. Du liegst ganz ruhig da, trägst einen Anzug, der aussieht wie der von deiner Kommunion. Wir fanden schon damals, dass Anzüge eine blöde Sache sind, wir sehen verkleidet aus, wenn wir sie tragen. Ich lege das T-Shirt, das ich schon die ganze Trauerfeier über in der Hand gehalten habe, neben dich in den Sarg. Es ist dein Lieblingsshirt, von den Ärzten. Wir waren mal auf einem Konzert, mir haben sie ganz gut gefallen, aber du bist abgegangen wie nie zuvor. Deine absolute Lieblingsband, hast du immer gesagt. Vorsichtig berühre ich deine Hand mit den Fingerspitzen. Sie ist eiskalt. Trotzdem halte ich sie fest, es ist mir egal, ob die anderen Trauergäste unruhig werden, du bist mein bester Freund. Und mir ist halt gerade nach herumstehen und heulen. Nur ganz langsam lasse ich deine Hand wieder los. Es tut mir alles echt leid. Wirklich. Ich dachte ich wär ein guter bester Freund, aber wahrscheinlich habe ich das alles total verbockt. Tut mir Leid.
Ganz langsam trete ich zurück und mache Platz für die anderen, die mir nur mitleidige Blicke zu werfen und irgendwas von ‚Er war ja noch so jung‘ nuscheln. Ja, das war er. In einer Woche wäre er zwanzig geworden, wir wollten eine riesige Party schmeißen und tagelang feiern. Wieder merke ich, dass mir Tränen übers Gesicht laufen, aber das ist mir egal. Mir ist auch egal, dass iPod hören auf einer Beerdigung unhöflich ist, ich stecke mir die Stöpsel in die Ohren und suche mich durchs Menü. Alphabetisch geordnet und jedes Lied ordentlich mit Titel und Interpret beschriftet. Unwillkürlich muss ich grinsen. Es ist dein iPod. Du bist nie ein ordentlicher Mensch gewesen, außer was die Musik betraf. Den iPod hast geschenkt bekommen, aber weil du nicht damit umgehen konntest, hast du ihn mir gegeben und wir haben immer zusammen Musik gehört. Ich drücke auf Play und stelle die Lautstärke aufs Maximum. Du kannst Orgelmusik nicht ausstehen, davon hast du Kopfschmerzen bekommen. Aber die Ärzte konntest du immer hören, egal wie laut, egal in welcher Situation. Farin Urlaubs Stimme dröhnt in meinen Ohren und ich fange an mich zu entspannen. Ich denke daran, wie du immer begeistert über Bands und Musiker geredet hast, von denen ich noch nie gehört hatte, bis du sie auf den iPod gezogen und mir vorgespielt hast. Das meiste hat mir gefallen und es hat mich gefreut, wie du dich immer darüber gefreut hast.
Mit den anderen Trauergästen verlasse ich schweigend die Kirche, und ich weiß, dass sie drinnen deinen Sarg jetzt zuschrauben und verbrennen werden. Das war das einzige, was ich für dich tun konnte. Wir wollten beide schon immer verbrannt werden, wenn wir tot sind, weil das einfach cool war und für dich der Gipfel deiner Rebellion. Deine Eltern wollten dich natürlich beerdigen, einäschern kam nie in Frage für sie. Aber ich hab sie überzeugen können, wahrscheinlich, weil ich so elend und traurig aussah. Das war das mindeste, was ich für dich tun konnte, wo ich so ein mieser Freund war. Deine Mutter hat eine sehr schlichte, graue Urne ausgesucht, die einerseits deinen Geschmack trifft, andererseits aber auch ins Wohnzimmer auf den Kaminsims passt. Die Urne soll auch beim Leichenschmaus dabei sein, am Kopf des Tisches soll sie stehen. Das wird für immer ihr Schicksal sein, dein Schicksal, irgendwo herumstehen und angestarrt werden.
Bevor wir ins Gasthaus fahren, wo deine Eltern den größten Tisch reserviert haben, gehen alle Gäste noch einmal nach Hause, um wieder klar im Kopf zu werden und sich, wie in meinem Fall, die Tränen wegzuwischen. Ich stehe in meinem Zimmer, starre die Poster an, eins von den Ärzten, daneben Homer Simpson, im Regal darunter eine Flasche Korn. Die hast du mir mal geschenkt. An meinem Schrank kleben Fotos, von uns beiden, im Kindergarten, auf Klassenreise, beim Schützenfest, mit den Jungs vom Fußball. Ich reiße sie alle ab und stopfe sie in meine Sporttasche. Dann krame ich zwei Hosen, Pullover, T-Shirts, Socken und Boxershorts aus dem Schrank, der genauso unaufgeräumt ist, wie es deiner immer war. Ich nehme mein Portemonnaie, stopfe alles Kleingeld, das in meiner Spardose ist, rein und kontrolliere dreimal, ob mein Perso und meine EC Karte da sind, den Großteil meines Kommunionsgeldes hab ich immer noch auf der Bank.
Leise stelle ich die Tasche in den Kofferraum von meinem Auto. Blechbüchse hast du es genannt, Schrotti oder Klapperkiste. Wir beide haben ein Auto zum achtzehnten bekommen, der einzige Vorteil vom Dorfleben, deiner Meinung nach. Du hattest gut reden, du hast einen Fiat 500 gekriegt, einen neuen. Mein Ford Ka ist so alt wie ich. Aber er dient seinem Zweck. Ich erkläre meinen Eltern, dass ich fahren will, angeblich, damit sie was trinken können. Meine Mutter sagt nichts, nickt nur, sie denkt wahrscheinlich sie muss mich vorsichtig behandeln, in Watte packen, weil ich so benommen bin, so unsicher, wegen dir. Stimmt nicht, ich war mir in meinem ganzen Leben noch nie so sicher.
Im Gasthaus ist die Stimmung wie auf der Trauerfeier, bedrückt, ruhig, niemand traut sich laut zu reden. Warum auch immer. Du kannst es eh nicht mehr hören, wenn wir mal ehrlich sind. Die Urne steht am Ende des Tisches, akkurat in der Mitte, perfekt ausgerichtet. Wenn das wirklich du bist, dann müsste sie eigentlich irgendwo am Rand stehen, oder sofort umkippen. Wir hatten es halt beide nicht so mit Ordnung. Während die anderen noch im Vorraum leise tuscheln und Sekt trinken, gehe ich langsam zum Tisch. Ich weiß, dass das, was ich vorhabe, echt nicht okay ist. Das ist Diebstahl, oder Entführung, je nachdem wie man das sehen will, wahrscheinlich sogar beides. Der Raum hat eine Hintertür, die direkt zu den Parkplätzen führt, das weiß ich, weil wir hier einen Sieg gegen den Fußballclub vom Nachbardorf gefeiert haben. Du und ich natürlich mit viel Cola-Korn.
Vorsichtig lege ich eine Hand auf deine Urne, niemand sagt etwas, nichts passiert. Sie stehen noch immer im Vorraum. Jetzt zögere ich doch, das ist immerhin mehr als nur einer von den blöden Streichen, die wir uns früher ausgedacht haben. Aber dann denke ich an dich, an die vielen Atlanten, Reiseführer und Bilder von weit entfernten Ländern in deinem Zimmer, an dein Strahlen wenn du von einem neuen Ort erzählt hast, den du unbedingt sehen wolltest. Ich schwöre, ich fühle mich schrecklich, als ich mir deine Urne schnappe, dich, im Grunde, und mit ihr unter meinem Arm fluchtartig den Raum durch die Hintertür verlasse. Meine Hände zittern, sodass ich Angst habe, dich fallen zu lassen, während ich das Auto aufschließe. Vorsichtig schnalle ich dich auf dem Beifahrersitz an. Ein letztes Mal atme ich durch und fahre dann vom Parkplatz. Verdammt, ich habe gerade deine Asche gekidnappt. Dir scheint das allerdings nicht viel auszumachen. Ich schalte das Radio an, die Ärzte, natürlich und drücke das Gaspedal durch.
Die ganze Fahrt über schweigen wir, und es ist, als würden wir bloß von einer Party nach Hause fahren. Die Party war allerdings dein Leichenschmaus und statt die Landstraße in unser Dorf zu nehmen, fahre ich auf die Autobahn Richtung Berlin. Mein Handy habe ich auf lautlos gestellt, aber den Vibrationsalarm angelassen, so dass ich unweigerlich mitbekomme, dass deine und meine Eltern mich zigmal versuchen anzurufen. Ich bitte dich, mich daran zu erinnern, mein Handy auszumachen, wenn wir am Flughafen Berlin sind. Mit dem schwedischen Netz kenne ich mich nicht aus, aber ich wette, wenn ich drüben angerufen werde, wird das teuer für mich. Und ein Chinesisch-Wörterbuch muss ich auch kaufen, denn ich glaube kaum, dass du deins mitgenommen hast. Ich hoffe, es ist überhaupt erlaubt, Asche überall da zu verstreuen, wo du gerne gewesen wärst.
Du hast schon immer gesagt, dass du hier weggehen willst. Zeit deines Lebens bist du nie dazu gekommen. Jetzt ist es zu spät, singt Farin Urlaub, aber ich schüttele nur den Kopf. Für uns beide fängt das alles gerade erst an.

Cally
19.3.11 18:05
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


anywhere / Website (19.3.11 18:24)
Gäbe es die richtigen Worte, würde ich sie schreiben.
Aber es sind nur Tränen und ein Lächeln.
Ich wünsche euch eine schöne Reise.
Und ich finde es bemerkenswert und unglaublich zugleich.
wie richtig!


Umbrella (19.3.11 19:31)
Oh! Ich habe Tränen in den Augen, Darling!
Beste Freunde sind sowas Tolles ♥
Und dein "Markenzeichen" hast du ja auch eingebracht - Beerdigungen. :D
Nein, wirklich - Toll! Mehr fällt mir auch nicht ein. Außer... emotional, rührend, schön, wunderschön.

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