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Helena



Draußen ist es kalt, ihre Jacke liegt im Haus, tief unten, in einem Stapel von Klamotten. Drinnen brennt das Licht, Martha kann die Umrisse der Menschen sehen, sie reden. Was die Anderen sagen versteht sie nicht, sie zu weit vom Haus entfernt, und sie will es auch nicht verstehen. Ihr ist nicht nach reden und ihr ist auch nicht nach Gesellschaft. Die ganzen Menschen, die sie nie zuvor gesehen hat, mit ihren verheulten Augen, in ihren schwarzen Kleidern. Diese Menschen mag Martha nicht und sie begreift ihr Verhalten nicht. Wie können die Anderen reden, wie können die Anderen lachen, wenn sie nicht einmal atmen kann. Ihre Finger umklammern das Amulett so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten, sie spürt, wie sich die feinen, gravierten Linien auf der goldenen Oberfläche in ihre Finger drücken. Martha weint nicht und hat es auch noch nicht, doch ihre Augen brennen, als hätte sie seit Stunden nichts anderes getan. Zitternd hält sie das Medaillon in die Höhe, es baumelt an einer schmalen Kette. Vorsichtig drückt sie auf den Knopf an der Seite und schnappend springt das Amulett auf. In dem ovalen Anhänger stecken zwei Bilder, in jeder Hälfte eines. Das eine zeigt sie in Helenas Arm, als Baby, auf dem anderen ist sie schon älter, vielleicht zehn. Helena hat das Amulett jeden Tag getragen und abends lag es auf ihrem Nachttisch. Trotzdem haben sie es nicht mit ihr begraben, sie haben sie ganz ohne Kette in den Sarg gelegt. Marthas Mutter hat ihr das Amulett gegeben und gesagt, dass Helena bestimmt gewollt hätte, dass sie es bekommt. Langsam klappt sie den Anhänger wieder zu, betrachtet ihn eine Weile und legt sich die lange Kette dann um den Hals. Sie ist eiskalt und das Gold hebt sich deutlich von ihrem schwarzen Kleid ab. Helena hat schwarze Klamotten gehasst, aber das ist den anderen egal. Schweigend umklammern Marthas klamme Hände das Medaillon, dann steckt sie es unter ihr Kleid. Ein sanfter Nieselregen beginnt, die Tropfen glitzern auf dem Gras, Helena hat Regen geliebt. Eine Tür wird geöffnet, das Gerede der Leute erklingt lauter zu ihr hindurch. „Martha!“, ruft ihre Mutter, „Komm rein, wir unterhalten uns hier doch so nett. Und der verdammte Regen!“ Martha erhebt sich nur sehr langsam, Regentropfen laufen über ihre Wangen.

Cally
23.12.10 12:05
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Lennart (24.12.10 01:28)
Du schaffst es wirklich unglaublich gut, Atmosphären zu erzeugen


Umbrella (24.12.10 10:56)
Vor allen Dingen die Beerdingungs-Atmosphäre :D
Ne, es ist toll!

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