Paperback Writers

Jacques und Gladys - Teil 1



‚Wenn du bei mir bist
Strahlt der Schnee weißer
Ist die Sonne heller
Du bist gänzlich unverdorben
Bist wie der Schnee, so rein
Meine Gedanken
Fesseln deine Unschuld
Vergiss die Keuschheit
Ich will die Gier in deinen Augen sehen’

Er legte den Stift zur Seite. Im Raum wurde es merklich kühler, als ob besagter Schnee sich auf seine Haut gelegt hätte. Jacques schob den Stuhl zurück und ging zum Fenster. Es war fest verschlossen, obwohl draußen die Sonne noch einmal aus einem Herbst- einen strahlenden Sommertag machte. Barsch zog er den schweren Samtvorhang zu, sodass nur ein schmaler Streifen Licht auf den Holzboden des Zimmers fiel.
Schon als Kind war er furchtbar anfällig für Erkältungen, immer hatte er gefroren und ihm war immer eiskalt gewesen. Selbst im Sommer ging er nur selten nach draußen, und wenn, dann in warme Jacken gepackt. Lieber lag er in seinem Zimmer im Bett, gewärmt von Wärmflaschen und Decken, und schrieb mit klammen Fingern Gedichte in eines seiner schier unendlichen Notizbücher. Er besaß sie in allen Farben und mit vielen Mustern. Nichts war ihm heiliger gewesen als diese schmalen Büchlein, die er voller Eifer in wenigen Wochen bis auf die letzte Seite bekritzelte. Und noch heute nutzte er gerne Notizbücher, sie waren ihm lieber als einzelne Bögen Papier, die viel zu schnell verloren gingen, oder gar, er mochte gar nicht daran denken, Computer. Grausamer, neumodischer Schwachsinn, wenn es nach ihm ging. Langsam kehrte er zum Schreibtisch zurück und starrte auf sein neuestes Gedicht. Erneut nahm er den Stift auf und schrieb mit seiner schwungvollen, eleganten Schrift: Gladys darüber.
Gladys…
Sie würde bald zurückkommen, und er musste noch kochen. Nachdenklich ging er in die Küche. Gladys schien seine Welt tatsächlich zu ändern. Sie machte die Sonne heller und den Schnee weißer. Sie machte auch den Himmel blauer und ihr strahlendes Lachen brachte sein Herz zum schmelzen. Aber ob sie wirklich so unschuldig war, bezweifelte er stark. Eigentlich, so musste Jacques sich eingestehen, war sie alles andere als unschuldig. Sie konnte wahrlich ein verteufeltes Biest sein. Aber jeder der sie sah, musste überzeugt sein, es mit einem Engel zu tun zu haben.
Gladys war sehr klein, höchstens einen Meter neunundfünfzig. Von der Statur her eher schmal, wirkte sie unglaublich zerbrechlich. Ihr blondes Haar war so hell und strahlend, dass er es schon in so manchem Gedicht als flüssiges Gold betitelt hatte und ihre großen blauen Augen waren so tief und rein wie das Meer. Bücher hätte er füllen können mit Lobgesängen auf ihre rosig vollen Lippen und das wunderschöne Lächeln auf selbigen. Sie war Poesie, seine Muse, seine Inspiration, und für ihn, für seine Gedichte, war das Wort unschuldig untrennbar mit ihr verbunden.
Jacques entzündete das Gas, füllte Wasser in einen Topf, stellte ihn auf den Herd und schüttete einen Teelöffel Salz hinzu. Ein Seufzen entfuhr ihm. Gladys…Ihr Leben hätte so schön sein können. Er war schon immer ein bisschen sensibel und eigenwillig gewesen und niemand außer Gladys war ihm so nahe gekommen. Nur ihr hatte er sich geöffnet, seine Gefühle offenbart. Sie war die einzige, die ihn nahm wie er war, die ihn voll und ganz akzeptierte, die ihn liebte, auch wenn er sich nicht in der Lage sah, Liebe zu geben, sie war…
Die Eingangstür wurde zugeschlagen, er hörte das unverwechselbare Lachen.
„Jacques? Jacques, mein Traumprinz! Bruderherz, wo bist du?“
Sie war seine Schwester.

Cally

Ja, das ist jetzt nur der Anfang, ich werde es häppchenweise hochladen, denke ich. Oh, übrigens gefällt mir der Anfang besser als das Ende der Geschichte. (:
21.11.10 17:04
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Lennart (22.11.10 01:23)
Schreib mal davor, welcher Teil das ist. Ich glaub, dann ist das besser zu lesen und man kommt hinterher mit der Reihenfolge nicht durcheinander

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