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Vera



Ich öffne die Augen und muss heftig blinzeln. Durch einen kleinen Spalt im Rollo blitzen mir die ersten Sonnenstrahlen direkt ins Gesicht. Murmelnd drehe ich den Kopf zur Seite. Mein Blick fällt auf Vera. Sie liegt auf dem Bauch, das Gesicht ins Kissen gedrückt. Wie jedes Mal frage ich mich, wie sie überhaupt Luft bekommt. Doch sie atmet ganz ruhig, ihr Rücken hebt und senkt sich leicht, aber gleichmäßig. Wenn sie schläft, dann schläft sie wie ein Stein. Sie bewegt sich nicht, zuckt nicht mal mit der Hand oder dem Fuß. Ich drehe mich jede Nacht etwa tausend Mal, während Vera sich nicht rührt. Ich betrachte sie schweigend. Ihr braunes, welliges Haar fällt zu beiden Seiten ihres Kopfes auf das Kissen. Im leichten Sonnenschein sieht es rot aus. Veras Haut ist blass, nicht so, dass es ungesund aussieht, aber blass. Ein paar Sommersprossen zieren ihren Nacken. Zarte, hellbraune Härchen überziehen ihre Arme, die neben dem Kopf auf dem Kissen liegen. Ihre Finger sind ins Kissen geklammert, wie jede Nacht, und ich sehe, dass sie sich die Fingernägel orangerot lackiert hat. An ihrer linken Hand funkelt der Verlobungsring meiner Großtante, den ich ihr geschenkt habe. Er sieht fast aus wie unser Ehering, den sie an der rechten Hand trägt, schmal und golden, aber er ist zusätzlich mit einem kleinen, runden Rosenquarz besetzt. Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht. Seit wir geheiratet haben, hat sie keinen der beiden Ringe jemals abgenommen, wenn es nicht unbedingt sein musste. Mein Blickt gleitet von ihren Armen zu ihren Schultern, genau in der Mitte ihrer Schulterblätter, deren Form ich gerade so ausmachen kann, hat sie ein Muttermal. An dieser Stelle ist Vera auch kitzelig, und ich bin versucht leicht mit meinen Finger darüber zu streichen. Aber ihr ruhiger Schlaf und der entspannte Atem halten mich davon ab. Vera trägt irgendein Schlafanzugoberteil mit schmalen Trägern, das sie sich aus einem Katalog bestellt hat und das sehr teuer war. Es ist schokoladenbraun und mit karamellfarbener Spitze verziert, wie sie mich belehrt hat, als ich sagte es sei dunkelbraun und beige. Das Oberteil ist bis zur Mitte des Rückens hochgerutscht und ich verfolge die feine Linie ihrer Wirbelsäule mit den Augen bis zum Anfang ihrer Schlafshorts. Ihre ausladenden Hüften, über die sie immer schimpft, kommen hier meiner Meinung nach ganz wunderbar zur Geltung, genauso wie die sanfte Wölbung ihre Pos, über den sie halbherzig die Decke gezogen hat. Unter dieser kann ich gerade so ihre Beine ausmachen, die sie wütend Stummelbeine nennt. Es stimmt, Vera ist klein, sie ist nie über hundertdreiundsechzig Zentimeter hinausgekommen. Aber ich finde das nicht schlimm, im Gegenteil. Es stört mich nicht, dass sie fast zwanzig Zentimeter kleiner ist als ich. Meine Augen schweifen wieder über ihren Körper, langsam und wohlwollend. Bei dem Gedanken an ihr Lächeln, wenn sie aufwacht und mich ansieht, bekomme ich Schmetterlinge im Bauch. Auch nach drei Jahren Ehe. Ich stütze den Kopf auf die Hand, den Blick auf ihren Kopf gerichtet, ich will dieses Lächeln auf gar keinen Fall verpassen. Vera zuckt leicht zusammen, ihre rechte Hand löst sich langsam vom Kissen. Ich höre sie leise Stöhnen, das macht sie immer, wenn sie wach wird, und mir läuft ein heißkalter Schauer über den Rücken. Schläfrig richtet sie sich auf, mit geschlossenen Augen lässt sie den Kopf kreisen und drückt den Rücken durch. Dann öffnet Vera die Augen, sieht mich an und meine Atmung setzt kurzzeitig aus, als sich ihre wundervollen Lippen zu einem unglaublich schönen Lächeln verziehen. „Guten Morgen, mein Engel.“, sage ich und ich meine es genau so. Sie lehnt sich zu mir, ich küsse sie und habe große Lust damit nicht mehr aufzuhören.

Cally
26.9.10 12:50
 


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(21.11.10 21:32)
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