Paperback Writers

Ja ciebie kocham



Achtung, schmalziger Protagonist mit einem nicht zu unterschätzenden Einsamkeits-Problem. Hat außerdem ziemlich einen an der Waffel.

An dem hier schreibe ich jeden Monat so circa einen Abschnitt. Weiß nicht so genau, wie und wann ich das jemals abschließen soll. (;




Ich schlug die Augen auf und wusste, es war ein guter Tag. Der erste Tag seit langer Zeit, den ich ohne mich selbst anzulügen als „gut“ bezeichnen konnte.
Und diese Tatsache hatte nur einen einzigen Grund – Den warmen, schlafenden Körper, um den mein Arm lag, als wollte er ihn nie wieder loslassen.
Eine Weile blieb ich mit geöffneten Augen liegen, um mir zu versichern, dass dieser gute Morgen Wirklichkeit war. Es war so ein unendlich schönes Gefühl, nicht allein aufzuwachen. Das hatte ich wirklich vermisst.
Ich hörte den gleichmäßigen Atem neben mir und spürte, wie sich der Brustkorb hob und senkte.
Er lag mit dem Rücken zu mir. Seine Wirbelsäule drückte ein wenig gegen meinen Oberkörper. Diese Nähe jagte mir einen wohligen Schauer durch den Körper.
Noch vor wenigen Tagen hatte ich mir eingeredet, es brächte doch auch viele Vorteile mit sich, allein zu sein. Und dass ich voll und ganz zufrieden wäre.
Erst in diesem Moment begriff ich, dass ich Lichtjahre entfernt gewesen war von Zufriedenheit. Ich musste der unglücklichste Mensch auf der ganzen Welt gewesen sein und hatte es nicht einmal gemerkt.
Ich war einfach kein Mensch, der mit Einsamkeit umgehen konnte. Ich brauchte meine Freunde, meine Familie und vor allen Dingen einen Menschen, neben dem ich aufwachen konnte.
Und letzteres machte diesen Morgen zu dem besten seit einigen Monaten.
Ich richtete mich ein wenig auf, um das Gesicht des Schlafenden sehen zu können. Ein fasziniertes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Sein zweifelsfrei hübsches Gesicht sah im Schlaf fast noch besser aus. Er wirkte so friedlich.
Ihm beim Schlafen zuzusehen, entspannte mich irgendwie. Einige Minuten vergingen, dann musste ich einsehen, dass ich nicht ewig so im Bett liegen und ihn beobachten konnte.
Vorsichtig zog ich meinen Arm zurück und stieg aus dem Bett. So leise wie möglich suchte ich mir einen Pullover und eine Jeans aus dem Schrank und verließ das Schlafzimmer.
Nachdem ich geduscht, mich rasiert und angezogen hatte, ging ich in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein. Während der hochmoderne Kaffeeautomat, der mich ein halbes Vermögen gekostet hatte, zu Hochtouren auflief, setzte ich mich an den provisorischen Campingtisch und blätterte gedankenverloren durch die Tageszeitung von vorgestern.
Schon seit Wochen hatte ich vor, endlich ins Möbelhaus zu fahren und einen vernünftigen Küchentisch zu kaufen. Doch ich war ein Meister im Aufschieben und Verdrängen. Außerdem spannte der neue Job mich fast rund um die Uhr ein. Ein freies Wochenende wie dieses war die absolute Ausnahme.
Wahrscheinlich war dies der Grund für die Umzugskartons, die in der ganzen Wohnung verteilt waren und darauf warteten, ausgepackt zu werden. Oder aber meine chronische Faulheit. Irgendetwas in mir wehrte sich jedes Mal, wenn ich mich einem Karton näherte.
Ein bisschen schämte ich mich für das Chaos, das in meiner Wohnung herrschte. Denn normalerweise hatte ich keinen Besuch, vor dem mir etwas peinlich sein musste. Eigentlich war der Junge, der gerade in meinem Bett lag, der Erste außer mir, der diese Wohnung betreten hatte.
Wie es zu diesem denkwürdigen Ereignis gekommen war?
Kopfschüttelnd ließ ich den gestrigen Abend Revue passieren. Ich war nach Schöneberg gefahren, wo sich die Schwulenbars aneinander reihten.
Es war ein völlig wahnwitziges Vorhaben gewesen, ausgelöst durch zu viel Einsamkeit und einen freien Freitagabend. Außerdem hatte ich schon seit einer halben Ewigkeit keinen Sex mehr gehabt.
Ich hatte niemals zuvor darüber nachgedacht, für Sex Geld zu bezahlen. Schließlich war Sex kein Geschäft. Hatte ich zumindest immer gedacht. Bisher hatte ich es nie nötig gehabt, über so etwas nachzudenken.
Doch der Umzug nach Berlin hatte alles verändert. Eben noch in meinem kleinen österreichischen Heimatdorf, plötzlich in der großen Stadt. Kein Wunder, dass ich einfach nicht Fuß fassen konnte. Ich fand keinen Anschluss, egal wie sehr ich mich bemühte, und bekam selbst mein eigenes Leben nicht auf die Reihe.
Es hatte auch nicht lange gedauert, bis ich in einer dieser kleinen Bars angesprochen wurde. Der Typ war allerdings wirklich nicht mein Fall und redete auch nicht lange um den heißen Brei herum. Während er mir seine Preisliste aufzählte, suchte ich nervös nach einem Fluchtweg.
Ich hatte immer gedacht, als Freier hätte man eher … die Oberhand. Aber ich hatte ja auch immer gedacht, Sex hätte etwas mit Liebe zu tun. Oder ich war einfach ein schlechter Freier.
Wahrscheinlich kapierte ich in genau jenem Moment, dass ich für so etwas einfach nicht gemacht war. Es gab Leute, für die war es eine Selbstverständlichkeit, am Freitagabend Anbandelungsgespräche in einer dunklen Homo-Kneipe zu führen und teuren Sex mit routinierten Strichern in einem Pensionszimmer zu haben. So einer war ich mit relativ großer Sicherheit nicht. Das war einfach nichts, was ich jeden Tag tat, und erst recht keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht war ich ein Feigling. Oder noch nicht einsam genug. Aber wie einsam musste ich denn noch werden?
Wie auch immer – Ich konnte das nicht, egal wie man es drehte und wendete. Das war nicht meine Welt.
Ich brachte den eifrigen Geschäftsmann zum Schweigen, als ich urplötzlich von meinem Stuhl hochfuhr und kopflos irgendetwas stotterte wie: „Sorry, mir ist schlecht…“
Panisch stolperte ich aus der plötzlich so verhassten Bar – Zugegeben, wahrscheinlich reagierte ich ein wenig über. Doch in diesem Moment packte mich einfach die Angst vor… Ja, vor was? Vor mir selbst.

Ohne einmal anzuhalten, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen oder wenigstens meine Jacke zu schließen, hastete ich durch die noch junge Nacht. Vorbei an noch mehr Bars, Clubs und Kneipen. Ich hatte genug, wollte nur noch nach Hause und mich in Selbstmitleid suhlen. Ich wusste genau, wenn ich genau das tun würde, wäre ich wahrscheinlich monatelang stinksauer auf mich selbst und würde meine überstürzte Flucht furchtbar bereuen.
Nicht nur deswegen war es wohl mehr als pures Glück, eher ein Segen, die absolute Erlösung, die mir die Hand reichen würde, um mich aus meinem schwarzen Loch zu ziehen.

Wie diese Erlösung konkret aussah? Nun… Etwa ein Meter achtzig, schlank, blond und viel zu dünn gekleidet für diese Jahreszeit.
Er stand vor einer Seitengasse zwischen zwei wenig einladenden Clubs, eine Flasche billigen Alkohol in der Hand. Mein erster Gedanke war, wer diese Schönheit an einem so unfeinen Ort ausgesetzt hatte. Der zweite, ob er sich nicht erkältete in seiner Aufmachung. Beide waren mir im Nachhinein peinlich.
Ich war stehen geblieben, ohne dass ich es gemerkt hatte. Eine Gruppe Feierlustiger rempelte mich an, weil ich mitten im Weg stand. Verwirrt versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen.
Doch eigentlich war alles klar. Ein Junge, attraktiv, allein vor einer Seitengasse, knapp bekleidet und ich, nicht ansatzweise so attraktiv wie er, keine zehn Meter weiter, hoffnungslos einsam, sich sehnend nach etwas Zweisamkeit. Das war wie der Deckel und der Topf, das Q und das U, Kate Winslet und Leonardo DiCaprio… Wie auch immer – Das passte doch einfach.
Langsam, als hätte ich Angst, dass sich der Junge beim nächsten Schritt in Luft auflösen könnte, ging ich auf ihn zu. Er war gerade damit beschäftigt, zu beobachten, wie die Flüssigkeit in seiner Flasche gegen das Glas schwappte, wenn er sie in der Hand drehte. Ich fragte mich, ob er betrunken war.
Doch als ich nur noch geschätzte fünf Schritte vor ihm stand, schaute er plötzlich auf und sah mich direkt an. Nervös zuppelte ich an meiner Jacke herum.
Seine blauen Augen schienen mich zu durchdringen. Ich erwiderte den Blick unsicher.
Er war eindeutig hübsch. Blasse Haut, hohe Wangenknochen, eine schmale Nase, die blauen Augen, hellblonde, kurze Haare. Er musste aus dem Ostblock kommen. Normalerweise stand ich nicht besonders auf diese harten, derben Gesichtszüge, die für Menschen aus dieser Gegend typisch waren, aber dieser Junge hatte irgendetwas an sich, das ich nicht wirklich beschreiben konnte.
Zu meiner Erleichterung war er es, der schließlich die letzten Meter zwischen uns überwand.

„Na?“

Seine tiefe, rauhe Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Er war ein wenig kleiner als ich, aber wirklich nur ein wenig. Über der linken Augenbraue war die Haut leicht gelblich gefärbt, wie bei einem langsam heilenden Bluterguss oder einem großen blauen Fleck.

„Ich bin Marek.“

Er sprach mit starkem Akzent, das hörte man schon bei diesen drei Wörtern. Zwar kannte ich mich nicht besonders gut aus, aber hätte ich mich entscheiden müssen, hätte ich auf Pole getippt.

„Davin“, entgegnete ich nur, um nicht Gefahr zu laufen, mich zu verhaspeln oder in andere peinliche Situationen zu geraten.
Verdammt, ich ging schon langsam aber sicher auf die Dreißig zu und trotzdem war ich so naiv und benahm mich wie ein verknallter Schuljunge! Ich schämte mich schon fast für mich selbst.
Mareks rauhe Stimme unterbrach meine Selbstzweifel. „Wohin?“
Ich musste mich bemühen, ihn nicht mit offenem Mund anzustarren. Das ging so … schnell, so ohne Worte. Natürlich, ich konnte keinen Smalltalk erwarten. Dieses ganze Ding war mir einfach fremd. Doch ich hatte das Gefühl, mit Marek alles richtig zu machen.
Ich holte tief Luft. „Zu mir.“
„Gut.“
Er sah mich an und ich brauchte eine Weile, bis ich kapierte, dass er wartete, dass ich losging. Ahnen konnte er schließlich nicht, wo meine Wohnung war. Mit wahrscheinlich hochrotem Kopf stolperte ich vorwärts.

Als wir schon einen Häuserblock hinter uns hatten, fragte Marek irgendwann: „Kein Auto?“
Ich zuckte zerknirscht mit den Schultern. „Ne, tut mir Leid, die U-Bahn muss reichen.“
„Okay“, sagte er nur.

Zehn Minuten später saßen wir in der richtigen U-Bahn. Marek hatte sich ans Fenster gesetzt, den Kopf auf die Hände gestützt und seine Flasche zwischen die Oberschenkel geklemmt. Bei jedem Ruckeln und Bremsen wurden unsere Oberkörper leicht gegeneinander gedrückt.
Es war ein sonderbares Gefühl, nicht allein in der U-Bahn zu hocken. Wir sprachen zwar kein einziges Wort, doch trotzdem war Marek schließlich nur wegen mir da. Er saß neben mir und warf mir, wenn auch nur ganz selten, einen Seitenblick zu. Das war wahrscheinlich idiotisch und ziemlich egozentrisch, doch schon das hatte ich vermisst. Das Gefühl, dass jemand zu mir gehörte.
Die Leute um uns herum sahen in Marek allerdings nicht die lang ersehnte Freitagabend-Erlösung. Immer wieder erwischte ich einen, der ihn abschätzend musterte oder mit hochgezogenen Brauen die Flasche zwischen seinen Beinen entdeckte. Als hätten sie in dieser Stadt noch nichts Schockierenderes gesehen.
Marek reagierte auf keinen der Blicke. Vielleicht war er das schon gewohnt, dass er schief angeschaut wurde, als hätte er ein Preisschild auf der Stirn kleben. Manchmal lehnte er den Kopf an die Scheibe, doch wenn die Bahn dann wieder bremste, fuhr er hoch und starrte den Boden zwischen seinen Knien an.
Er wirkte nicht betrunken auf mich, auch wenn er immer wieder einen kleinen Schluck aus der Flasche nahm. Nunja, er war Pole, für den war Wodka bestimmt wie die Tasse Kaffee, die ich am Tag mindestens dreimal brauchte.

Geräusche aus dem Flur ließen mich hochschrecken.
Er war also auch aufgewacht. Ein kleines Lächeln zuckte in meinen Mundwinkeln.
Sekunden später erschien dann sein Kopf im Türrahmen. Er sah müde und zerknittert aus, das genaue Gegenteil zu dem schlafenden Marek. Doch ich beneidete ihn wirklich um sein kurzes Haar. Bestimmt brauchte er morgens bloß mit der Hand durchzufahren und schon lagen sie wieder perfekt. Ich dagegen brauchte eine halbe Ewigkeit vor dem Spiegel, ausgestattet mit Föhn, Bürste und verschiedenen Gels, um unter Leute gehen zu können.
Ich spielte mit dem Gedanken, mir die Haare genauso kurz schneiden zu lassen, als Marek einen etwas unsicheren Schritt in die Küche machte. Jetzt sah ich, dass er Schuhe und Jacke trug. Verblüfft starrte ich ihn an.
Marek blieb in sicherer Entfernung stehen und schaute zwischen mir und ein paar Kartons rechts von ihm hin und her. Wort- und bewegungslos standen wir uns gegenüber.
In diesem Moment ertönte der durchdringende Ton der Kaffeemaschine, der mir sagte, dass der Kaffee fertig war. Ich zuckte erschrocken zusammen. Auch Marek schien der Ton aus seiner Starre zu lösen.

„Ich gehe dann“, sagte er mit klarer Stimme.

Nur langsam sickerten die Worte zu mir durch. Er wollte gehen. Nach dieser viel zu guten Nacht und diesem viel zu guten Morgen wollte er mich einfach mir selbst überlassen.
Klar, wahrscheinlich war das nunmal so nach einer Nacht mit bezahltem Sex. Der Job war getan, der Kunde war befriedigt, im wahrsten Sinne des Wortes, es gab keinen Grund noch zu bleiben.
Verdammt, ich hatte doch gewusst, dass der gute Morgen trügerisch gewesen war. Ich hätte mich am liebsten selbst geohrfeigt für den emotionalen Höhenflug, der in diesem Moment ein abruptes Ende gefunden hatte. Wie hatte ich mir nur irgendwelche idiotischen Hoffnungen machen können? Es war Sex gewesen. Mehr nicht.
Und jetzt stand der Junge, der mich so fasziniert hatte, in meiner Küche und wollte sein Geld, um verschwinden zu können.

Doch Fakt war – Ich wollte nicht, dass er ging. Ich wollte jetzt nicht allein sein. Ich wollte dieses gute, neue Gefühl nicht verlieren.
Aber was sollte ich schon tun? Ihn auf Knien anbetteln, nicht zu gehen? Ihn am Küchenstuhl fesseln?
Ich musste irgendetwas sagen, denn Marek würde ungeduldig werden. Angestrengt suchte ich nach den richtigen Worten, nach irgendetwas, was ich sagen konnte. Doch da war nichts. In meinem Kopf herrschte gähnende Leere.

Und so hörte ich mich sagen: „Guten Morgen.“

Innerlich verabschiedete ich mich schon. Es war mir einfach rausgerutscht. Warum musste mir so etwas Bescheuertes immer in den unpassendsten Augenblicken passieren? War ich nicht schon arm genug dran?
Ich riskierte einen Blick in Mareks Richtung. Ihm stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben. Wie in Zeitlupe öffnete er den Mund.
„Guten … Morgen.“
Es klang fremd in seinem starken Akzent, doch noch nie war ich glücklicher über ein einfaches Guten Morgen gewesen.
Langsam kehrten meine Lebensgeister zurück und ich nutzte die plötzliche Euphorie.
„Ich … hab Kaffee gemacht“, sagte ich und deutete auf eine dampfende Tasse. „Willst du? Natürlich nur, falls du noch Zeit für ein Frühstück hast.“
Er schien einen Moment zu überlegen, doch dann nickte er und machte ein paar unbeholfene Schritte auf den Tisch zu. Ich nahm die zwei Tassen Kaffee und stellte sie darauf.
„Setz dich“, bot ich ihm an und versuchte, meine Anspannung mit einem lockeren Ton zu überspielen. Klappte auch ganz gut.
Er nahm das Angebot an, setzte sich auf einen der Campingstühle, ohne eine einzige Anmerkung über meine baustellenartige Möblierung zu machen, wofür ich ihm sehr dankbar war, und trank von seinem Kaffee.
Ich jedoch wuselte weiter in der Küche herum. „Toast? Brötchen? Aber ich hab nur welche zum Aufbacken.“
„Danke, ich möchte nichts“, entgegnete Marek.
„Okay…“
Ich setzte mich zu ihm und schlürfte vorsichtig an dem viel zu heißen Kaffee.
So unauffällig wie möglich betrachtete ich ihn. Er starrte gedankenverloren in seine Tasse. Die Morgensonne, die durch das Fenster fiel, umspielte sein Gesicht. Und dabei fiel mir ein weiteres Mal auf, dass er verboten gut aussah. Sein Haar glänzte in allen erdenklichen Goldtönen. Die harten Gesichtszüge wirkten plötzlich ganz weich. Am Hals entdeckte ich ein kleines Muttermal, das mir schon am Tag zuvor aufgefallen war. Ich verspürte das dringende Bedürfnis, es zu berühren. Es fiel mir schwer, den Blick abzuwenden.
Er durfte nicht gehen. Nicht jetzt.

„Wo wirst du jetzt hingehen?“ Das war die Frage, die mir schon die ganze Zeit auf den Lippen gebrannt hatte.
Marek sah auf und unsere Augen trafen sich. Sein Blick war so intensiv, dass ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten.
„Ich meine… wohnst du in Schöneberg?“, korrigierte ich mich schnell, weil mir die Frage doch etwas ungeschickt vorkam.
„Ich wohne bei einem Freund“, antwortete er. „In Kreuzberg.“
„Ah.“ Ich starrte nutzlos in meine Tasse. Das war die letzte Gelegenheit, mit ihm zu reden, etwas über ihn herauszufinden, und in meinem Kopf herrschte gähnende Leere. Normalerweise hatte ich überhaupt kein Problem damit, ein Gespräch zu beginnen, aber in diesem Moment wollte mir einfach nichts einfallen. Es war doch zum verrückt werden.
Wahrscheinlich wollte Marek auch gar nicht mit mir reden. Er wollte sein Geld und verschwinden. Mehr nicht. Doch das konnte ich nicht zulassen. Das wollte ich nicht.
Meine Gedanken drehten sich im Kreis und es kam doch nichts dabei heraus. Es gab keine Möglichkeit, ihn zum Bleiben zu bewegen, ohne mich selbst völlig zu blamieren.

Doch das hatte ich ja bereits erledigt. Ich erinnerte mich an gestern Nacht, als Marek einfach aufgestanden war und gehen wollte. Ich war schon im Halbschlaf gewesen, doch als sich die Matratze leicht bewegte, war ich sofort wieder hellwach.
„Wo willst du hin?“, fragte ich ihn mit belegter Stimme.
Er hielt inne und wahrscheinlich schaute er mich so intensiv an wie noch gerade eben, in der Dunkelheit konnte ich natürlich nichts erkennen. „Gehen.“
Unter anderen Bedingungen hätte ich wahrscheinlich über diesen Dialog gelacht, doch im beschriebenen Moment war mir nicht nach Lachen.
„Jetzt?“
Stille.
„Du kannst doch noch bleiben…“ Meine Stimme klang nicht annähernd so verzweifelt wie ich es war.
„Ich… muss gehen.“
Langsam setzte er das Anziehen fort.
„Ich… äh… ich gebe dir morgen das Doppelte, wenn du bleibst!“ Ich konnte nicht ganz fassen, dass ich das gesagt hatte. Nun bestach ich diesen Jungen schon, damit ich nicht allein sein musste. Ich war einfach nur noch bemitleidenswert.
Doch es hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Zwar zögerte Marek eine ganze Weile, doch schließlich legte er sich wieder wortlos neben mich.
Es stärkte nicht gerade mein Selbstwertgefühl, dass ich die Kerle nur noch mit Geld in meinem Bett halten konnte. Doch ich musste nicht allein bleiben. Das erste Mal seit einer halben Ewigkeit.


Umbrella
26.9.10 00:24
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cally (26.9.10 12:04)
Er ist so süß! Und so...dumm!! Und naiv! Und blöd!
Und Marek ist so cool! <3
Ich liebe diese Geschichte, auch wenn der Typ so dumm ist! Süß-dumm, aber dumm! (:

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