Paperback Writers

Brieffreundschaft



Was macht einen Menschen liebenswert? Und was nimmt alles Liebenswerte? Kann man jemanden lieben, der einen Mord begangen hat? Kann man jemanden lieben, den man noch nie gesehen hat?
Mein Name ist Patricia. Ich liebe einen Mörder.

Es hat in der ersten von drei Wochen Semesterferien angefangen. Der Kopf schwirrte mir von juristischen Fachbegriffen, Paragraphen und Gesetzen. Jetzt bloß Ferien zu haben und nichts tuend auf der Couch zu liegen, würde mir auch nicht helfen mich zu entspannen. Ich brauchte Ablenkung, nicht bloß ein Buch oder ein Film, wirkliche Ablenkung. Verreisen kam nicht in Frage, erstens, weil ich kein Geld hatte und zweitens, weil ich auch im Urlaub nicht umhin kommen würde, über Jura nachzudenken. Was ich wirklich brauchte, war ein Hobby. Eine Sprache lernen wollte ich aber auch nicht, mein Kopf brauchte wahrhaft eine Auszeit. Es musste etwas entspannendes sein, so wie malen oder zeichnen. Ganz so nun auch wieder nicht, denn das, was ich mit Stiften und Papier zu Stande brachte, konnten selbst Grundschüler besser. Ziemlich unschlüssig besorgte ich mir einen Prospekt der nahegelegenen Volkshochschule, um mich über die angebotenen Kurse zu informieren. Ich fand seitenweise Werbung für Yoga und Meditationskurse in meiner Nähe, und das blanke Entsetzen überkam mich. Stundenlang summend in einer Position zu verharren, oder sich wie eine Brezel bei nerviger Harfenmusik zu verknoten lag mir ganz und gar nicht. Ebenso wenig kam Bauchtanz oder Hip Hop in Frage, der einzige Tanz zu dem ich mich ab und an hinreißen ließ, war Walzer, und der wurde hier nur für Hochzeitspaare angeboten.
Ich glaube, schlussendlich auf die Idee hat mich meine Freundin Caro gebracht. Sie studiert Medizin und hatte ein ähnliches Problem wie ich. Caros Lösung war eine Brieffreundin, mit der sie zuerst über E-Mail Kontakt aufgenommen hat. Um das schöne, kribbelige Gefühl zu kriegen, haben sie angefangen sich Briefe zu schreiben. Ihre Brieffreundin hat Johanna und lebt in Bayern. Getroffen haben sich die beiden noch nie und wollen es auch so halten. Caro findet, sie kann entspannter mit ihr über alles reden, wenn sie sie nicht sieht.
Über alles reden klang für mich fantastisch. Ich hatte gerne Geheimnisse und erzählte niemandem alles. Umso verlockender war der Gedanke, einem völlig fremden Menschen meine intimsten Gedanken mitzuteilen. Allerdings wusste ich nicht, wie ich an eine Brieffreundin gelangen sollte. Caro war Mitglied auf hundert verschiedenen Websites, welche übers Kochen, über malen, über Porzellanpuppen…. Sie hatte hundert Interessen und hatte so jemanden mit ähnlichen gefunden. Mein einziges Interesse war Jura. Aber davon wollte ich mich ja ablenken.
Unschlüssig gab ich ‚Brieffreundschaften‘ in die Suchleiste von Google ein. Hätte ich gewusst, dass das eigentlich ein Hobby von Kindern ist, hätte ich meine Suche präzisiert, aber ich wusste es nicht. So klickte ich mich durch unzählige Links für Kinder von acht bis zehn, von elf bis dreizehn, von vierzehn bis sechszehn, von siebzehn bis zwanzig. Mit dreiundzwanzig kam ich mir sonderbar alt vor, denn Brieffreundschaften in ‚meinem Alter‘ schienen gar nicht vermittelt zu werden. Ich war inzwischen auf der vierzigsten Seite mit Suchergebnissen angelangt, als mir ein Link ins Auge fiel. Brieffreundschaften für Erwachsene, las ich da, es sollten sich einem ganz neue Welten öffnen. Interessiert klickte ich den Link an. Die Seite war trostlos und grau, sehr schlicht. Ein kurzer Text ganz oben, darunter weitere Links, die jeweils zu einem Bild und einem Namen gehörten. Ich las:

‚Sie haben Interesse an einer erwachsenen und tiefen Brieffreundschaft? Wir bieten Ihnen diese Möglichkeit. In Zusammenarbeit mit vielen Gefängnissen in Amerika haben wir die Brieffreundschaft-Börse entwickelt. Sie gibt Ihnen die Möglichkeit, sich mit Gefängnisinsassen aus ganz Amerika per Briefwechsel zu unterhalten und ihnen zu helfen, sich nicht ausgestoßen und vergessen vorzukommen. Diese Brieffreundschaften kosten Sie nichts, wir bitten Sie lediglich, für Papier und Briefmarken aufzukommen. Jeder Insasse, mit dem Sie einen Briefwechsel starten können, wurde vorher von Psychologen überprüft und für nicht gefährlich befunden. Sollten Sie trotzdem nach einigen Briefen das Bedürfnis haben, die Brieffreundschaft zu beenden, so können Sie dies jederzeit tun, wir bitten Sie aber, einen Zettel mit Gründen dafür beizulegen, damit wir erneuten Fehlern dieser Art vorbeugen können. Weiter unten finden Sie Bilder und Namen von 50 Inhaftierten, mit denen Sie Kontakt aufnehmen können. Folgen Sie den Links für mehr Informationen. Sollten Sie sich für eine Brieffreundschaft entschieden haben, senden Sie uns bitte eine E-Mail mit Ihren Angaben sowie Adresse und dem Namen Ihres Brieffreundes. Wir senden Ihnen dann alles Nötige zu. Mit freundlichen Grüßen,
die Brieffreundschaft-Börse‘




Ist erst der Anfang, aber das wird wohl etwas länger. Wahrscheinlich poste ich es noch auf ff.de wenn es fertig ist, aber ich wollte erstmal eure Meinung.
Cally
23.7.10 11:26
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Umbrella (23.7.10 13:09)
Oh wow. Eine Brieffreundschaft mit einem Häftling - Okay.
Ich mag den ruhigen, fast schon sachlichen Stil. Passt zu einer Jura-Studentin. (;
Der Einstieg klingt wie die Einleitung einer Crime-Serie, aber ich liebe ihn. (:
Insgesamt eine seeehr interessante Idee und ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht!


Ochrasy (27.7.10 03:07)
Kann meinem Vorgänger nur beipflichten; wirklich interessante Idee! Nur einmal schreibst du "Ihre Brieffreundin hat Johanna und lebt in Bayern." - Ich denke eigentlich, das ist das einzig Verbesserungswürdige.


Umbrella (11.8.10 17:18)
Warum ist "Venedig" plötzlich weg? o.o

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