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Himmel



Der Himmel ist blau. Die Sonne brennt vom Himmel, Schweißperlen rinnen mir den Nacken herunter. In meinem weiß gestärkten Hemd ist mir so warm, dass ich kaum Luft bekomme. Ich habe alle Knöpfe meines Sakkos geöffnet, aber der feste, schwarze Stoff heizt sich unerbittlich weiter auf. Trotzdem ist es ein wunderschöner Tag. Die Luft ist erfüllt von honigsüßen Düften bunter Blumen, die wo man auch hinschaut aus der Erde sprießen. Vögeln singen, Grillen zirpen und eine laue Brise lässt die Äste der Bäume sanft rauschen. Ein paar bauschige Wölkchen ziehen vorbei. Ich lasse die perfekte Idylle auf mich wirken, die Sonnenstrahlen kribbeln auf meiner Haut. Fast genieße ich es, doch ich reiße mich zusammen. Heute ist nicht der Tag, um zu genießen.
Die anderen beobachten mich. Einige voll Mitleid, andere eher herablassend und abschätzig. Die Männer tragen schwarze Anzüge, wie ich. Die Frauen sind allesamt in dunklen Kleidern erschienen, zwei von ihnen tragen Hüte mit kleinen Schleiern.
Ich weiß nicht, wann ich aufgehört habe, dem Pfarrer zuzuhören. Stattdessen betrachte ich die Welt um mich herum, versuche sie so zu sehen, wie er sie immer gesehen hat. Von uns beiden war ich immer der Pessimist gewesen, der, der alles negativ sieht. Josh hingegen konnte in jeder noch so ausweglosen Situation etwas Wunderbares sehen. Das war seine Gabe, sein Talent. Damit hat er alle immer glücklich gemacht. Alle außer mir. Ich fand diesen ewigen Optimismus zum Kotzen. Für mich war es unbegreiflich zu verstehen, wieso Menschen nicht einsehen konnten, oder wollten, dass die Welt manchmal scheiße war. Ich habe sein Dauergrinsen verachtet. Jetzt vermisse ich es, beinahe so sehr, dass ich es selber grinsen möchte. Ich kann es. Josh war mein Zwillingsbruder, er hatte sogar das verdammte Muttermal an derselben Stelle wie ich, rechter Arm, über dem Ellbogen. Ich darf nicht grinsen. Nicht bei seiner Beerdigung. Ich dürfte eigentlich auch nicht so gedankenverloren alles anstarren, wie ich es gerade tue. Ich sollte mich auf die Predigt konzentrieren. Meine Mutter will das. Aber will Josh das auch? Selbst bei seiner Hochzeit hat er geistesabwesend in den Himmel gestarrt, fasziniert von den Wolken. Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass er bei dieser Zeremonie eingeschlafen wäre. Das sage ich meiner Mutter nicht, obwohl Josh es bestimmt getan hätte. Er war ein Optimist und geradezu gruselig ehrlich.
Meine Augen fangen an zu tränen. Nicht weinen, das ist peinlich, rufe ich mich selbst zur Ordnung, aber ich kann nicht mehr. Diese ganze Idylle, sie macht mir Magenschmerzen. Ich traue dem Frieden nicht, ich weiß, dass es bald regnen wird. Josh hätte mir jetzt gesagt, dass ich nicht so pessimistisch sein soll. Aber das wird er nicht tun. Nie wieder. Bleib positiv, denke ich, so wie Josh. Die vielen schönen Blumen, der Vogelgesang.
Und der verdammte Himmel ist blau.

Cally
20.7.10 13:03
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Umbrella (20.7.10 14:31)
Toll! Sehr toll!
Was soll ich dazu noch sagen? Das ist authentisch und realistisch und transportiert so viele Gefühle.
Seine Erinnerungen an seinen Bruder und dazu seine Gefühle und Gedanken - Schön!


Ochrasy (20.7.10 18:59)
HIMMEL - mein Lieblingswort.
Erst dachte ich: Uff, schon wieder Beerdigung, aber dann... was soll ich sagen... eine tolle Geschichte! Ich mag es wie Natur und Plot ineinanderübergehen.
Du kannst schreiben. Hm.

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