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Betrug



„Ich habe ein Verhältnis.“
Das Geklapper und Geklirre von Besteck auf Porzellan verstummt augenblicklich. Madleine starrt mich an. Sophie und Gabriel, ein befreundetes Ehepaar, das wir zum Essen eingeladen hatten, blicken verschreckt vom einen zum anderen. Maddie öffnet den Mund, schließt ihn wieder, öffnet ihn, ihre Augen sind groß und schimmern feucht.
„Gabe und ich, wir…wir müssen jetzt gehen.“ Sophie steht auf, Gabriel tut es ihr gleich. Keiner von uns beiden rührt sich. Es dauert einige Minuten, sie holen ihre Mäntel, bis wir die Tür hinter ihnen zuschlagen hören. Die ganze Zeit starrt Maddie mich an, ich kann ihren Blick nicht deuten. Sie schluckt und macht Anstalten etwas zu sagen, doch sie bringt nur einen heiseren Laut des Erstaunens hervor.
„Maddie…“, beginne ich vorsichtig, doch ihre Hand schnellt in die Luft und ich verstumme abrupt. Meine Frau ballt die kleinen Hände zu Fäusten, sie senkt den Blick. Dann steht sie langsam auf, legt ihre Serviette ordentlich gefaltet neben den Teller und geht in die Küche. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als ich ihr folge.
„Maddie, jetzt…“, erneut unterbreche ich mich, als ich sie sehe. Sie stützt sich auf der marmornen Oberfläche der Kücheninsel ab, ihr Kopf hängt kraftlos herunter, so dass ihre Haare ihr Gesicht halb verdecken. Ich meine, leises Schluchzen zu vernehmen und ihren unregelmäßigen Atem. Zögernd mache ich ein paar Schritte auf sie zu, bis ich meiner Frau gegenüber stehe. Wieder setze ich an, „Maddie, hör mir zu, ich…“, doch diesmal ist sie es, die mich unterbricht. „Nein!“
Ich zucke zusammen. Ihre Stimme ist weder kalt, noch schneidend, noch wütend. Sie ist wie immer, ein wenig kieksiger vielleicht, und genau das ist es, was mich zurück schrecken lässt. Madleine hebt den Kopf, dreht ihn mit geschlossenen Augen von einer Seite zur anderen, als hätte sie Nackenschmerzen. Dann öffnet sie die Augen und starrt mich wieder an, sie hat ein paar Tränen in den Augen und einige Strähnen ihres hellbraunen Haares kleben an ihren geröteten Wangen.
„Nein, Ashton, du hörst mir zu! Ich meine, du wirst dir natürlich denken können, was ich sagen will. Oder fragen. Ich meine, es gibt hier nichts zu sagen. Ich meine, natürlich gibt es etwas zu sagen, aber was soll ich sagen? Oder fragen? Was soll ich tun? Was?“
Ich glaube, es ist dieser Moment, vor dem ich mich so sehr gefürchtet habe. Maddie achtet auf ihre Sprache, sie würde niemals einen so prägnanten Satzanfang öfter als zweimal wiederholen, wenn alles in Ordnung wäre. Der Moment, in dem Maddie so außer sich ist, macht mir unglaubliche Angst. Zu mal ich absolut keine Ahnung habe, was sie sagen oder tun soll. Ich wüsste es selber nicht.
„Bitte, Maddie, lass uns doch reden!“, ich gehe um die Kücheninsel herum auf sie zu, doch sie hebt abwehrend die Arme. „Maddie! Wir müssen doch…“
„Was müssen wir? Was? Sag‘s mir, was? Warum hast du das überhaupt gesagt? Was hast du dir gedacht? Wolltest du mir sagen, dass du mit ihr abhauen willst? Willst du mich verlassen, ist es das? Willst du…“
„Nein! Maddie, nein! Ich will dich nicht verlassen, es ist nur eine Affäre, es hat nichts zu bedeuten! Ich will dich auf gar keinen Fall verlassen!“
„Nicht? Na wunderbar. Dann weiß ich jetzt immerhin, dass du eine Affäre hattest. Was bringt mir dieses Wissen?“
Ich kann es nicht. Ich kann mit all diesen Fragen nicht umgehen, kann ihr keine Antwort geben. „Maddie…“, ich will etwas sagen, irgendwas, aber dann bemerke ich die Tränen. Jetzt laufen sie an ihren Wangen herunter, laufen über ihr Kinn und tropfen auf ihre Klamotten. Sie tut nichts dagegen. Sie steht einfach nur da und weint stumm.
„Ich…Ich weiß doch selber nicht genau, warum ich das gesagt habe, Maddie. Ich wollte doch nur…ich dachte bloß…“
„Du dachtest bloß WAS? Du hast überhaupt nicht gedacht, Ashton! Hättest du gedacht, hättest du irgendwann mal dein Hirn eingeschaltet, dann hättest du mich gar nicht erst betrogen! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du irgendwas gedacht hast! Ashton, warum hast du das getan?!“
Ich beiße mir auf die Zunge. Sie hat genau das Thema angeschnitten, das mir Magenschmerzen bereitet. Madleine ist nicht besonders groß, sie hasst ihre Figur, die ausladenden Hüften und das volle Dekolleté. Sie findet sich zu dick und zu klein, ich hingegen vergöttere sie in jeder Beziehung. In wirklich jeder. Trotzdem habe ich ein Verhältnis mit Kim, irgendeiner Sekretärin aus meiner Firma angefangen. Und ich kann es mir beim besten Willen nicht erklären.
„Ich weiß es nicht, Maddie. Es…es hat sich einfach so ergeben, weil…weil, naja sie war da und du nicht, und sie war ganz hübsch und…“
„Ashton!“, unterbricht sie mich scharf. Ihr Augen blitzen, „Egal wie sehr ich dich gehasst habe, und ich habe dich manchmal sehr gehasst, egal wie gut die anderen Männer aussahen…Ich habe dich nie betrogen. Ich habe es nicht getan und ich werde es nie tun! Verstehst du, es kann sich nicht ‚einfach so ergeben haben‘! Warum, verdammt nochmal, hast du mich also betrogen?“
Madleine flucht nicht. Sie flucht nie, weil sie es bösartig und ungezogen findet. Sie fluchen zu hören macht es noch schlimmer.
„Ich hatte doch in dem Moment wirklich nicht…“, versuche ich mich zu verteidigen, doch ich weiß nicht genau, was ich sagen sollt, „Ich wollte dich doch nicht verletzen! Es war etwas…aus dem Moment heraus!“
„Du wolltest mich nicht VERLETZEN? Und wie, bitte schön, nennst du das hier? Sehe ich glücklich aus, oder was?“, faucht sie.
„Es war keine böse Absicht! Es war nur…naja, es war nur eine Affäre.“ Mein Kopf steckt bereits in der Schlinge und gerade bin ich dabei, fester zuzuziehen.
„Nur eine Affäre? NUR eine Affäre? Das…sowas geht einfach nicht! Wie kannst du das nur mit mir machen? Es IST eine Affäre, kein nur, kein aber! Du hast mich betrogen und sowas KANN MAN EINFACH NICHT MACHEN!“ Ihre Wangen glühen und die Tränen müssen sie blind machen.
„Wir haben einen verdammten Eid geschworen, in guten wie in schlechten Tagen! Das war nur vor fünf Jahren! WIE KANNST DU SOWAS DENN VERGESSEN?“
„Maddie…“
„HÖR SOFORT AUF MICH ‚MADDIE‘ ZU NENNEN UND ERKLÄR MIR WIESO DU MICH BETROGEN HAST!“, brüllt sie, und selbst dabei wirkt sie noch so zerbrechlich und klein, dass ich schlucken muss. Ich denke verzweifelt nach, ich muss irgendetwas sagen.
„Ashton! Warum? WARUM!“
„Ich habe nur…“
„War ich dir nicht gut genug?“, plötzlich ist ihre Stimme wieder ruhig, und so unglaublich bebend und heiser. „War es das?“
„Nein, Madleine, das war wirklich nicht der…“
„Habe ich dir nicht das gegeben, das du haben wolltest? Was habe ich denn bloß falsch gemacht?“ Die pure Verzweiflung in ihrer Stimme lässt meine Hände zittern.
„Nein, Maddie, es tut mir doch leid…“
„ES IST MIR SCHEIßEGAL, DASS ES DIR LEID TUT!“
Wie betäubt starre ich sie an. Ihre Haare, die wirr und ungekämmt aussehen, ihre von Tränen geröteten Augen.
„Maddie, lass uns… Lass uns darüber reden, bitte, wir…wir können einen Weg finden!“ ich strecke zitternd die Hand nach ihrer aus.
„Ashton, weißt du…“, sie lacht trocken, „Ich kann das nicht. Ich kann das einfach nicht.“
Das Zuschlagen der Tür hallt in meinen Ohren wieder.

Cally
19.6.10 22:30
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ochrasy (15.7.10 23:45)
Ich gehe automatisch ungefähr dreimal am Tag auf diese Seite in der stillen Hoffnung, dass ihr beiden etwas Neues online gestellt habt, aber was ist?! NICHTS!!!

Übrigens ist die Geschichte sehr schön, nur den Anfang versteh ich nicht ganz - sind da noch Gäste da oder was?


Umbrella (20.7.10 14:25)
Ich guck auch oft vorbei und warte darauf, dass IHR was on stellt. :D Aber ich werde jetzt einfach mal irgendwas aus meinem Archiv hervorkramen und on stellen!

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