Paperback Writers

Unter dem Eis



Es dauert nur vierzig Sekunden.

Teil 1



„Warum nimmst du die große Truhe mit?“
„Nun ja, ich dachte, weil heute ein besonderer Tag ist, weißt du. Außerdem werde ich heute ein richtig dickes Ding mit nach Hause bringen. Das hab ich im Urin!“ Brady schaute seinen Bruder schmunzelnd an und stieß ihm neckisch den Ellbogen in die Seite. Jay musste unwillkürlich lachen, auch wenn der saftige Stoß ihm kurz die Luft raubte. Das mit dem ‚besonderen Tag’ stimmte wirklich, da Brady heute vor einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen worden war. Er hatte schreckliche Dinge getan; Dinge, an die Jay nicht mal denken mochte und die im Umgang mit Brady auch nicht mehr relevant waren. Zumindest versuchte er sie klein zu halten.
Bradys stramme Arme griffen nach der Truhe, während er Jay den Rucksack mit den Angelruten zuwarf. Der war ziemlich leicht, wofür er sehr dankbar war. Sie hatten nämlich einige Kilometer zu gehen, um die richtige Stelle zu finden. Die Stelle, an der es die meisten Fische gab.
„Brady, zieh dir noch die andere Jacke an! Es ist eiskalt draußen, Mensch!“
„Tz, brauch ich nicht. Ich bin doch nicht so ne Memme wie du.“ Wieder grinste er breit, ließ die Tür hinter sich zuschlagen und Jay alleine im Flur. „Warte!“ Er versuchte mit Brady Schritt zu halten; keine Chance. Also gab er es auf und fiel ein paar Meter zurück. So liefen beide schweigend hintereinander her. Jay fragte sich ob sie schon auf dem Eis liefen, oder ob es noch Schnee unter seinen Füßen war. Der Schnee war um diese Jahreszeit so hart, dass der Unterschied schwer zu erkennen war. Brady wusste es bestimmt; er war ein Naturmensch. Schon als Kind hatte er sich die meiste Zeit draußen aufgehalten. Kalt war ihm nur selten gewesen; das hatte sich nicht verändert. Brady trug lediglich ein dickes Wollhemd mit einer Weste darüber, während Jay sich in sechs Schichten Winterkleidung gepackt hatte. Und immer noch fror er.
Er war das volle Gegenteil von seinem Bruder. Nicht nur in dem Punkt. Mit dem Blick auf den enorm breiten Schultern Bradys, dachte er daran, wie viel Last doch auf ihnen lag. Brady hatte nie über seine Gefühle sprechen können, hatte immer versucht, sich mit seinen Fäusten zu verständigen, obwohl er es damit nur noch viel schlimmer gemacht hatte.
Er dachte an den Tag, bevor Brady ins Heim gekommen war. Als Brady dreizehn war und er acht. Der große Bruder war mal wieder für ein paar Tage verschwunden, als ein Polizeibeamter an ihrer Tür klopfte und ihrer Mutter erzählte, dass ein Angler ihren Sohn leblos am Ufer einen Sees entdeckt hätte. Die Mutter wurde ganz traurig, zumindest hatte Jay das so in Erinnerung und als man ihr sagte, dass Brady reanimiert werden konnte und im Krankenhaus lag, jauchzte sie vor Freude. Als der Beamte gegangen war, war ihre Euphorie wie verflogen und Jay meinte einen leichten Anflug von Enttäuschung in ihren müden Augen sehen zu können. Vielleicht hatte sie ihren Sohn schon längst abgeschrieben. Wollte sich endlich keine Sorgen mehr machen müssen. Sie hatten sogar aufgehört, ihn zu suchen, weil sie die ganze Hysterie herzkrank gemacht hatte. Jay nahm die gesamten ersten acht Jahre seines Lebens als endloses Martyrium der Suche und Bändigung Bradys wahr, das an diesem Tag jedoch schlagartig vorüber war. Brady wollte nicht mehr nach Hause. Er hasste sie; seinen Vater, seine Mutter und seinen Bruder, was er ihnen bei den Besuchen im Heim mehr als deutlich machte. Im Kinderheim lief häufig das Lied ‚For he’s a jolly good fellow’, wenn sie ihn besuchten, daran erinnerte sich Jay noch, weil es in seiner heiteren Fröhlichkeit in völligem Gegensatz zu Bradys Reaktionen stand. Und zu seinem hasserfüllten Blick.

Es war ihm gewesen, als stünde ein neuer Bruder vor ihm, als er Brady nach der Entlassung das erste Mal wiedergetroffen hatte. Er hatte seinen Bruder mit einem Lächeln begrüßt; das hatte er noch nie getan und aus jeder Pore drang der Wunsch ein neuer Mensch zu werden, zu vergessen, was gestern war. Von einer guten Seele hatte er einen Job als Holzfäller vermittelt bekommen und es schien als wäre dieses Treffen im Haus ihrer Eltern die Wiedervereinigung seiner Familie, nach der er sich so lange gesehnt hatte. Und der Angelausflug, auf dem sie gerade waren, war ihre Krönung. Das alles versetzte ihn in einen vollkommenen Glücksrausch, der ihn heimlich schmunzeln ließ. Gut, dass Brady es nicht sehen konnte; vor ihm, war es ihm peinlich, sich so gefühlsbetont zu präsentieren.
„Hier?“, fragte Brady und riss Jay aus seinen Gedanken.
Eigentlich wollte er noch ein Stückchen gehen, aber Brady klappte bereits seinen Stuhl auf und stellte die Truhe ab.
„Hier ist gut.“

Sie hatten bereits eine Weile gesessen, als ihm auffiel, dass Bradys Blick sich immer mehr verfinsterte. Er glich dem Himmel an diesem Tag, der sich dunkel und verhangen auf die Gletscher-Landschaft Alaskas legte. Brady brauchte Zeit, es war nicht leicht für ihn, sich wieder neu in die Familie einzugliedern. Zeit, die er ihm geben wollte, obwohl in sein Stimmungsumschwung verwunderte. Am selben Morgen hatte er sich noch betont vorfreudig gegeben, doch das schien jetzt wie weggeblasen zu sein. Auch als Brady mühsam ein riesiges Loch ins Eis geprickelt hatte und er ihn fragte, warum er es so groß machte, hatte Brady Witze gemacht. „Ich will doch, dass die Brummer da durch passen, die ich mir gleich fischen werde. Alter, du bist auch nur am Fragen stellen, oder?!“ Jay wusste, dass er vielen Menschen mit seiner neugierigen Art auf den Senkel ging und wollte es sich mit seinem neugewonnen Bruder auch nicht gleich wieder verscherzen, also nahm er sich vor, von nun an den Mund zu halten und den Tag mit Brady zu genießen.
Die eisige Kälte schnitt ihm ins Kinn und er zog die Jacke höher, doch das brachte nicht viel.
Aus der starken Brise, die ihm bereits gehörig zu schaffen machte, würde sich noch ein Schneesturm entwickeln; das erkannte er als Kind Alaskas. Seine Hände fühlten sich an wie Eis und konnten die Angel kaum noch halten. Als er erneut Brady ansah (der durch den dichten Schnee schon schwer zu erkennen war) fiel ihm auf, dass ihm die Kälte gar nichts auszumachen schien; einzig sein Blick, den er nicht zu deuten vermochte, konnte ein Hinweis darauf sein.
Sie hatten noch nichts gefangen und würden es wahrscheinlich unter diesen Bedingungen auch nicht mehr tun, also fragte Jay: „Wollen wir nicht lieber gehen, Brady? Ein Sturm zieht auf und du kannst deinen Brummer auch morgen noch fangen.“
Er antwortete nicht.
„Brady?!“
Brady lachte nur, aber nicht wie am Morgen, es war ein furchteinflößendes, wahnsinniges Lachen und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, der seinen Ursprung nicht im Wetter fand.
Schließlich drehte er sich mit dem Blick eines tollwütigen Tieres zu Jay und sagte: „Ich will ihn aber jetzt fangen!“ Die Worte kamen langsam mit einer schneidenden Betonung, die ihm den Atem raubte. Jay sah den Wahnsinn in Bradys Blick und erkannte, was er schon die ganze Zeit vorhatte.
Doch nun war es zu spät.

Teil 2



Brady machte einen Satz hinter seinen Bruder, der im Begriff war aufzuspringen. Doch Brady war schneller und drückte ihn mit seinen riesigen Pranken ins eiskalte Wasser. Jay wehrte sich panisch. Ohne Erfolg. Mit verschwommenem Blick sah er ihm das letzte Mal in die Augen.
„Byebye, Bruder.“ Die schwere Truhe landete direkt auf Jays Kopf. Ein erstickter Schrei. Eine Sekunde Bewusstlosigkeit. Als er wieder erwachte, merkte er, dass er nicht atmen konnte und es um ihn herum rot wurde. Es dauerte eine weitere Sekunde, damit er verstand, dass er unter Wasser war. Dann zehn Sekunden, bis er einsah, dass das hektische Trommeln gegen die Truhe nichts ausrichten konnte. Denn an der Oberfläche saß Brady auf der Truhe und versah die dumpfen Todesstöße, die durch die hohle Truhe widerhallten mit einem schadenfreudigem „Ich kann dich nicht hören!“ Deswegen das breite Angelloch. Und die noch breitere Truhe.
Die Minusgrade und die bleischwere Kleidung erschwerten Jay seine hektischen Bewegungen.
Es dauerte zwanzig Sekunden bis er auch das aufgab. Er wusste, dass er sterben würde. Ihm blieben nur noch wenige Sekunden. Er war bereits zweiunddreißig Sekunden unter Wasser. Er dachte: unerträgliche Kälte. Dreiundreißig. Kälte verwandelte sich in Schmerz. Vierunddreißig. Schmerz und Angst und Kälte. Fünfundreißig. Jays Lunge fühlte sich an, als würde sie implodieren, lange konnte er das letzte Bisschen Luft nicht mehr zurückhalten. Sechsunddreißig. Atmen! Siebenunddreißig. Kälte, Schmerz, Angst, keine Luft, Starre, Verzweiflung. Achtunddreißig. Er musste atmen. es ging nicht anders. Seine Glieder waren mittlerweile taub, das Bewusstsein benebelt, kein klarer Gedanke mehr. Schmerzhaftes Pochen. Überall. Jay machte den Mund auf und sein Körper sich, seinen Erfahrungswerten nach, auf einen köstlichen Zug Sauerstoff bereit, doch er wurde bitter enttäuscht. Neununddreißig. Seine Lunge füllte sich mit Wasser. Zucken. Vierzig.
Er war tot.

Teil 3



Bevor die Leiche hinabsinken konnte, wurde sie am Kragen gegriffen und an die Oberfläche gezogen. Sie wurde mit Leichtigkeit geschultert und durch den Schneesturm getragen.
Die dunkle Gestalt, die durch die weiße Kälte spazierte, pfiff eine fröhliche Melodie:
‚For he’s a jolly good fellow’. Und kurz schien es, als würde der Wind in seinem ohrenbetäubenden Getöse mitpfeifen. Die lange Platzwunde, die über Jays Kopf verlief, zog eine rote Linie übers Eis. Niemand konnte den Ort verfehlen, an dem sich der Mord zugetragen hatte. Beide Gestalten waren weiß vom Schnee, als sie die Eingangstür des Elternhauses erreichten.
Brady klopfte nicht; er hatte extra nicht abgeschlossen und spazierte einfach herein. Mit schweren Schuhen stapfte er durch den engen Flur, wobei er mit seinem Fang an einige Ecken und Kanten stieß.
„Ihr seid schon wieder da?!“, rief eine glockenklare Stimme aus der Küche.
„Hmmm…“, machte Brady und ließ seine Beute laut auf den knarzenden Esstisch plumpsen.
„Und? War’s erfolgreich?!“, kam es wieder aus dem angrenzenden Raum, aus dem eindeutig Spülgeräusche zu vernehmen waren. Brady beobachtete, wie vom hängenden Kopfe Blut auf den dunkelbraunen Dielenboden tropfte, schwarz wurde und schnell einsog.
Dann wandte er sich wieder der Stimme zu und rief mit stolzdurchflutetem Blick:
„Schau mal, Mama, was ich dir gefangen habe!“

Ochrasy
4.6.10 01:42
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cally (4.6.10 18:31)
Das ist heftig. Also, heftig im Sinne von heftig gut. Der letzte Satz, ich dachte nur: WAAAS?
Und ich meine...wow...ich dachte er würde sich bessern wollen und so, und er wäre jetzt lieb und...Oh mein....Gott
Das ist unglaublich gut.
Allerdings habe ich nicht ganz verstanden, warum er ihn umgebracht hat, aber...es ist verdammt gut!
<3

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