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Stadt



Die fertige Version.

Für mich ist kein Platz in dieser Stadt.
Die Häuser ragen mir über den Kopf. Der Smog teert mir die Lungen. Die Autos hupen. Die Menschen meckern. Mir ist schlecht.
Ich habe keinen Lieblingsplatz. Es gibt nichts, was mir mehr gefällt als alles andere.
Mir gefällt nichts.
Nicht hier und auch sonst nirgendwo.
Ich habe dieser Stadt alles gegeben und sie hat mir niemals etwas zurückgegeben. Sie ist undankbar und gnadenlos.
Wenn ich die Menschen auf den Straßen sehe, unzufrieden, gestresst, frage ich mich, weshalb sie hier sind. Aber dann sehe ich mich. Und ich weiß, weshalb.
Man kann der Stadt nicht entfliehen. Wenn sie dich erst einmal aufgenommen hat, lässt sie dich nicht mehr los. Nie mehr.
In meiner Jackentasche finde ich eine Münze. Ich nehme sie in die Hand und sie fällt mir in den Rinnstein.
Egal wohin ich gehe, die Stadt sitzt mir im Nacken. Sie gönnt mir kein Glück, keinen Frieden. Sie gönnt mir nichts.
Ich hebe sie auf. Neben der Hot-Dog-Bude im Bahnhof sitzt ein alter Mann an die Wand gelehnt. Seine Augen sind geschlossen, sein Bart ist grau und verfilzt.
Die Stadt hat ihm alle Kraft genommen, ihn bis aufs letzte ausgesaugt. Ich werfe die Münze in seinen Becher. Müde öffnet er ein Auge.
Ich weiß nicht viel und erst recht nicht über mich selbst, doch ich weiß, dass ich niemals werden möchte wie er. So weit wird es nicht kommen.
Ich gehe weiter und höre seine Stimme hinter mir.
„Haben Sie vielen Dank! Einen schönen Tag noch!“
Einen schönen Tag hatte ich nicht mehr, seit die Stadt mich in Ketten gelegt hat.
Doch es gab schon schlimmere als den heutigen.
Der Bahnsteig ist überfüllt. Menschen und Menschen und Menschen. Die Stadt hat mich gelernt, Menschen zu verabscheuen. Sie haben die Stadt geschaffen und wollten sie regieren, doch jetzt regiert die Stadt sie.
Menschen sind machtlos, nutzlos, sinnlos.
Ich halte den Blick gesenkt, weil ich die Gesichter nicht ertragen kann. Die vielen Gesichter machen mich krank. Sie zeigen das verhasste Gesicht der Stadt.
Die Anzeige kündigt die Ankunft der nächsten Bahn an. In zwei Minuten. Zwei Minuten.
Ich widme diese zwei Minuten der Stadt, die mein Leben zerstört hat. Ich habe schon so viel an sie verloren, da sind diese letzten Minuten nur die Spitze des Eisbergs.
Ich schließe die Augen. Konzentriere mich auf den Hass, den ich für die Stadt empfinde. Und es ist eine Menge Hass. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mensch so viel Hass empfinden kann.
Die Zeit rennt. Ich höre die Zeiger vorrücken.
Ich bin völlig ruhig. Der Hass ist alltäglich, er macht mich nicht mehr wütend.
Meine Gefühle hat die Stadt mir geraubt. Ohne sie lebt es sich hier einfacher. Geholfen hat es mir trotzdem nicht.
Stimmen dringen an mein Ohr. Gepöbel irgendwo. Vielleicht bin ich nicht der Einzige, der heute geht.
Schon höre ich das Rattern, spüre einen Luftzug. Ich öffne die Augen und trete näher und näher und näher.
Viel zu schnell ist die Zeit vergangen, aber ich denke, ich habe mich verabschiedet, wie es sich gehört. Und kann mit gutem Gewissen gehen.
Ich trete so nah, dass ich nicht weitertreten kann und doch noch einen Schritt näher.
Die Schreie hinter mir werden lauter. Aber dann verstummen sie einfach. Alles verstummt. Für immer.
Auf Wiedersehen, Stadt, schade, dass ich nicht länger bleiben konnte.

Ich kam her, unschuldig, neugierig, naiv.
Ich gehe fort, befleckt, abgestumpft, zerrissen.


Umbrella
22.5.10 11:31
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cally (24.5.10 17:40)
As I said, absolut genial. <3

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