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Grau



Ein Engel in der Stadt

Die Luft ist voller Fetzen von unerfüllten Wünschen, unterdrückter Wut und unendlichem Hass. Viel Hass. Der Hass klebt wie Schimmel an den grauen, kalten Häuserwänden. Er materialisiert sich in den abertausenden Betonplatten, die nach und nach die Stadt verschlingen. Sie fressen jedes bisschen grün und damit die Hoffnung. Der Hass macht die Stadt zu dem was sie ist, eine Flutwelle von Grau, in der jeder unwillkürlich verrückt wird. Ich habe Angst, dass der Hass eines Tages meine Flügel verkleben und das reine, strahlende Weiß mit dem tödlichen Grau ersticken wird. Mein Heiligenschein wird bald silbern sein, denn der Hass überwiegt gegen das ehrliche Glänzen des Goldes. Ich habe Angst, weil ich sehe, was der Hass mit den Menschen anstellt.
Sie kommen hierher und erfüllen die verpestete Luft wie Erfrischungsspray mit einem köstlichen Hauch von Hoffnung und Glück. Der wundervolle Duft von Träumen und Wünschen liegt dann in der Lust und ich traue mich, die Flügel auszubreiten. Doch ich weiß, dass das nie lange so bleibt. Der Hass wird langsam das Strahlen aus den Augen dieser unschuldigen Seelen treiben, bis sie stumpf und glanzlos sind – und grau. Er wird sie quälen, bis ihnen jedes Lächeln einen Schmerzensschrei entlocken, und jedes bisschen Optimismus sie in den Wahnsinn treiben wird. So lange wird er an ihnen zerren, bis sie sich ihm hingeben, in der Flut grauen Hasses untertauchen, eins mit ihr werden.
Und wenn das geschehen ist, wenn eine ganze Stadt, so wie diese, vom Hass ausgerottet sein wird, dann wird er glücklich sein, aber nicht befriedigt. Er wird weiter jagen, denn er ist süchtig geworden, nach der Kälte in den Seelen der Menschen, nach der Wut in ihren grauen Herzen.
Also wird er sich erneut auf die Jagd machen, eine neue Stadt im Visier und berauscht vom Grau, das er hinterlassen hat. Und ich weiß, wenn er erst einmal ein neues Opfer gefunden hat, wird er nicht locker lassen. Er wird sich festkrallen mit seinen grauen Klauen, sich festbeißen mit seinen grauen Zähnen und seine grauen Samen in die Köpfe der Menschen säen. Bis sie grau sein werden, vom unendlichen Hass, grau von der Wut und grau von der Trauer.
Ich kann diese Welt bereits sehen, ein Meer von grau, in dem auch ich untergehen werde.


Cally
12.5.10 18:15
 


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