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Ethans Mum



Ich hatte meine Mum nie gemocht. Sie war eine selbstsüchtige, eiskalte Hexe. Früher war das nicht so schlimm gewesen, da war Dad noch da. Er hat Mum beruhigt, wenn ich Mist gebaut habe. Wenn ich schlechte Noten hatte. Einfach immer. Ich konnte mit ihm über alles reden, und über noch mehr. Er hat mich immer behandelt, als wäre ich ein Erwachsener, ihm ebenbürtig. Ich durfte Saft aus seinen Whiskygläsern trinken und in seinem Arbeitszimmer mit Bauklötzen spielen. Mein Dad war Architekt. Er hat mir so viel davon erzählt, dass Bauklötze kein Spielzeug, sondern mein Lebensinhalt waren. Ich baute ganze Städte, und Dad half mir. Es war so ein typisches Vater-Sohn-Ding, da waren wir immer ungestört. Und wenn ich ungestört sage, meine ich, ohne meine Mum. Sie hat sich überall in mein Leben eingemischt, nur die Zeit in Dads Arbeitszimmer, die hat sie sich nie getraut zu stören. Soweit ich mich erinnern kann, war mein Dad immer meine Eltern. Ich sagte nie: Ich muss meine Eltern fragen. Ich sagte: Ich muss meinen Dad fragen. Ich war stolz auf ihn, weil er bekannt war, und ein paar Häuser im Dorf entworfen hatte. Er war einfach mein Held. In jeder Hinsicht.
Aber als ich acht war, war Dad plötzlich nicht mehr da. Natürlich haben sie mir damals nicht die Wahrheit gesagt. Sie sagten, dass er weg musste. Mehr nicht. Zuerst dachte ich, er wäre tot. Dass er seinen Tod zusammen mit seiner Sekretärin in Neuseeland verbrachte, erfuhr ich erst viel, viel später.
Seit dem Tag war mein Leben verpfuscht. Nicht nur, weil ich keinen Dad mehr hatte. Natürlich auch deswegen, für einen Jungen ist es nun mal nicht leicht, mit seiner Mutter und seiner Schwester alleine zu leben. Man braucht nun mal für gewisse Themen einen Dad. Aber das war nicht mal das Schlimmste. Das Schlimmste war meine Mum. Wenn ich ehrlich bin, konnte ich sie irgendwie verstehen. Ihr Mann war gerade abgehauen (Was ich allerdings auch verstehen konnte) und hatte sie mit zwei Kindern zurückgelassen. Ihr Ruf im Dorf war für lange Zeit angekratzt und das Getuschel musste sie fertig gemacht haben. Trotzdem habe ich damals erst richtig begonnen, sie zu hassen.
Mum wollte jede Erinnerung an den ‚feigen, hinterhältigen Mistkerl‘ (also meinen Dad) für immer vernichten. Sie warf seine Skizzen weg. Seine Geschenke an meine Mum. Seine Klamotten. Seine Uhren. Einfach alles. Sogar meine Bauklötze. Sie fand, dass die mich auf dumme Gedanken bringen.
Ich sollte mein Leben nicht genauso vergeuden wie mein Dad, und Architekt werden. Sie war für Jura oder Medizin. Meine Mum hat mich einfach nie verstanden.
Ich wusste schon lange vor meinen achtzehnten Geburtstag, dass ich abhauen würde. Mein Großvater hatte mir ein Konto angelegt als ich geboren wurde und ich hatte mein komplettes Taschengeld gespart. Auch das, was ich als Mathenachhilfelehrer bei unserem Nachbarssohn verdiente.
Mit meinem Collegeabschluss (sowie meinen Klamotten, dem Geld, einem Stoffhäschen, ein paar Büchern und jeder Menge Naivität) in der Tasche, hatte ich mich in den nächstbesten Bus nach London gesetzt. Ohne irgendjemandem etwas zu sagen. Nur meiner Schwester hatte ich einen Zettel auf den Nachtisch gelegt, auf dem stand, dass es mir gut geht. Ich hoffte, dass sie meine Beweggründe verstand. Denn bei meiner Mum hielt ich es nicht mehr aus.
Und jetzt? Jetzt ist meine Mum tot.

Seit ich abgehauen bin, habe ich mit niemandem Kontakt aufgenommen. Weder mit meiner Schwester, noch mit meinen Kumpels. Umso mehr überraschte es mich, als ich den hellbraunen Briefumschlag im Postfach fand. Zuerst erschien er mir unwichtig, ich war Architekt, ich bekam haufenweise Post. Also nahm ich ihn mit den anderen in meine Wohnung. Sie war groß, und für Londoner Verhältnisse günstig. Außerdem lag sie in der Nähe des Architektenbüros in dem ich als leitender Angestellter arbeitete.
Routinemäßig sah ich die Briefe durch, sortierte nach Job, Privat und Rechnungen. Dann kam der hellbraune Umschlag. Ich drehte ihn um, damit ich die Adresse sah. Botallack. Mir wurde schlecht. Ich glaube ich habe da schon gewusst, dass irgendwas nicht stimmte. Ich habe zwanzig Jahre lang kein Wort mit meiner Familie oder meinen Freunden von damals gewechselt. Also musste etwas passiert sein. Mit zitternden Händen zog ich den mit sauberer, gerader Handschrift beschriebenen Bogen heraus und las.

Lieber Ethan,
Ich weiß, du bist gegangen, um nichts mehr mit uns zu tun zu haben.
Ich verstehe und ich respektiere das wirklich. Und es tut mir Leid, dass es
dazu kommen musste. Aber ich muss dir etwas Schreckliches mitteilen:
Mum ist gestorben. Letzte Woche Montag. Sie hatte einen Herzinfarkt,
es kam sehr plötzlich. Der Arzt meint, sie hat es wohl gar nicht mitbekommen,
also auch keine Schmerzen gehabt. Ich hoffe, dass macht es für dich leichter.
Die Trauerfeier findet in einer Woche statt. Bitte komm, wenn du es einrichten
kannst! Du kannst natürlich bei uns schlafen. Es ist auch alles arrangiert,
du musst nur kommen. Bitte sag mir Bescheid.
In Liebe
Ava



Ich hatte nicht die Courage sie anzurufen. Aber ich war mir auch nicht sicher, ob ein Brief rechtzeitig ankommen würde. Deshalb tippte ich ihren Namen bei Google ein. Der erste Link führte mich auf die Seite der Gesamtschule von Botallack. Natürlich. Als ich abgehauen war, war meine Schwester 23 gewesen und gerade dabei, Lehrerin zu werden. Ich klickte mich durch die Seite der aufgeführten Lehrer. Ava Sleeper. Prüfend betrachtete ich das Bild. Ja, das war sie.
Die Frau die ich sah, war etwa Ende zwanzig. Sie hatte langes, mittelbraunes Haar, so lang, dass es weit über ihre Schultern und damit aus dem Bild fiel. Ihre Augen waren vom gleichen milchigen Haselnusston wie meine, allerdings von einem dichteren Wimpernkranz umgeben, und auch die Nase, sehr hübsch, schmal, gerade, hatten wir gemeinsam. Aber ihr Lächeln…lächelte ich, sah es immer ein wenig verkrampft und gezwungen aus. Außerdem waren meine Lippen zu dünn und irgendwie zu lang. Ava hingegen war mit einem Lächeln wie dem eines Engels gesegnet. Das sagten wahrscheinlich viele über ihre Schwestern oder Freundinnen oder Bekannte. Aber nur bei ihr stimmte es. Sie hatte volle Lippen, die auch ohne Make Up zart rot schimmerten. Gedankenverloren dachte ich an unsere Kindheit, als ständig irgendwelche Jungs mit ihr hatten ausgehen wollen. Meine Mum hatte es allen verboten und sie böse angestarrt. Dad hätte es erlaubt, dass weiß ich. Aber er war weg, bevor Ava ihren ersten Freund hatte. Ich war ihm dafür unendlich böse, aber sie nicht.
Ava konnte nicht hassen. Sie war immer freundlich, zu jedem, und sie weigerte sich daran zu glauben, dass jemand gemein sein konnte. Das liebte ich auch an ihr.
Während immer mehr Erinnerungen an sie in mein Gedächtnis kamen, wurde mir klar, wie sehr ich sie vermisste. Ich musste kommen. Nicht so sehr um der Beerdigung willen. Aber ich musste Ava wieder sehen.
Hinter ihrem Namen stand eine E-Mail Adresse. Ich öffnete Outlook. Es war Mittwoch. In einer Woche sollte die Trauerfeier stattfinden, ich seufzte und begann zu tippen.

Liebe Ava,
Das mit Mum tut mir Leid. Ich werde kommen, aber erst am Freitag, dann habe ich sowieso Urlaub. Wie lange ich bleibe, weiß ich noch nicht.
Ich hoffe es geht dir gut.
In Liebe
Ethan



Im Moment kranke ich an diesem Anfang herum und komme nicht weiter. Dabei finde ich es gar nicht so schlecht.
Cally
25.4.10 20:05
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ochrasy (25.4.10 23:51)
Guter Anfang!
Du hättest nur ein bisschen mehr klar machen können, dass Ethan seinem Vater richtig böse dafür ist, dass er abgehauen ist. Das kommt, finde ich, nicht so raus, vor allem, weil du einmal schreibst, dass er es verstehen kann.
Wie geht's denn weiter?!
Die Geschichte hat Potenzial, weil jetzt noch nach allen Seiten offen ist, in welche Richtung du die Geschehnisse weiterleitest und was zuvor geschehen ist.
Hab dich lieb <3


Umbrella (26.4.10 15:01)
Dad hätte es erlaubt, dass weiß ich.
-> "das"

Ich denke auch, das ist ein guter Anfang. Aber ich kann nicht so richtig nachvollziehen, warum er sich anscheinend sofort und ohne großartig zu überlegen dazu entscheidet, in seine Heimat zu fahren. Er hat seine Mutter doch so sehr gehasst. Oder will er nur für seine Schwester da sein?


Cally (26.4.10 18:37)
@ Ochrasy: Das ist es ja gerade, er KANN seinem Vater nicht richtig böse dafür sein, weil er ihn verstehen kann. natürlich ist er ihm irgendwo böse, aber bei der Mutter... Naja, seien wir ehrlich, ich weiß noch nicht mal, ob er ihm wirklich böse ist.

@ Umbrella: Er macht es nur für seine Schwester. Er war echt lange weg, und in der Zeit hat er seine Schwester eben vermisst, aber das alles verdrängt.

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