Paperback Writers

Routine



Beim assoziativen Schreiben entstanden.


Es war seltsam, mit welcher Selbstverständlichkeit sie die Begegnung mit den dreien erwartete. Zumindest vermutete sie, dass es drei Männer gewesen waren, die sie eine Stunde zuvor an diesen abgelegenen Ort bestellt hatten. Am Telefon hatten sie sich mit dem Sprechen abgewechselt, im Hintergrund war klassische Musik zu hören gewesen.
Das waren Profis, da war sie sich sicher. Die Musik hatte andere Hintergrundgeräusche unterdrücken sollen, sodass der Aufenthaltsort der drei Verbrecher nicht so leicht bestimmt werden konnte. Doch ihre Stimmen hatten sie nicht verstellt und dass sie zu dritt waren, hatten sie ebenfalls nicht verheimlicht. Vielleicht war das bloß eine Art Trick gewesen, um sie in die Irre zu führen. Oder es ging den Entführern nicht um Anonymität. Wahrscheinlich hatten sie vor, im Ausland abzutauchen, sobald dieser Coup durchgezogen war. Das große Ding, das ihnen das Geld bringen sollte, um irgendwo weit weg den Rest des Lebens zu genießen. In einer Villa mit Pool und jeden Tag an der Strandbar sitzen.
Gut versteckt im angrenzenden Waldstück warteten fast 50 uniformierte Polizisten genau wie sie auf die Ankunft der Entführer. Hochkonzentriert und schussbereit.
Sie wusste, dass sie kein bisschen Angst haben musste. Und die hatte sie auch nicht.
Treffen mit Entführern waren zwar nicht gerade an der Tagesordnung der erfahrenen Kriminalkommissarin, doch leider kamen sie des öfteren vor. Eine gewisse Routine hatte sich eingefunden bei solchen Einsätzen.
Doch genau aus diesem Grund schämte sie sich in diesem Moment. Ein kalter Windstoß zog vorbei und sie klappte den Kragen ihrer Jacke hoch.
Die Drei hatten ein Kind auf dem Schulweg entführt. Ein kleines Mädchen, die Tochter eines Firmenmanagers. Sie hatte nie jemandem etwas getan, hatte mit Sicherheit eine riesen Angst. Die Entführer fassten sie wohl kaum mit Samthandschuhen an. Und das alles bloß, weil ihr Vater Geld hatte – Eine Menge Geld.
Die Entführung eines unschuldigen Kindes war grausam. Trotzdem ließ es sie kalt. Zu oft hatte sie etwas Ähnliches erlebt, zu oft war alles gut ausgegangen und auch zu oft war das Opfer vor ihren Augen getötet worden.
Irgendwann in ihrem Beruf war ihr klar geworden, dass sie nicht jede unmenschliche Tat verhindern konnte. Es gab gute und schlechte Tage. Doch egal, wie ein Tag endete, es blieb bloß ein Job. Nicht mehr und nicht weniger.
Es geschahen zu viele grausame Dinge auf dieser Welt, als dass man sie alle verhindern konnte. Oder zumindest bestrafen.
Sie konnte das Verbrechen bloß in Schach halten, doch verschwinden oder gar weniger werden würde es niemals. Und ganz sicher nicht wegen ihr.

Da durchschnitt das Röhren eines Motors die Stille. Ein weißer Van näherte sich. Er hielt ein paar Meter von ihr entfernt. Zwei Personen stiegen aus, beide trugen Blaumänner, dunkle Sonnenbrillen, obwohl der Himmel bedeckt war, und rote Baseballcaps.
Sie konnte mit Sicherheit sagen, dass der Dritte im Bunde am Steuer saß.
Einer der ausgestiegenen Männer kam näher, der andere hielt sich im Hintergrund.
„Das Geld!“, forderte er ohne Umschweife. Seine Stimme war hart und auch seine Körpersprache sagte ihr ganz klar, dass mit ihm nicht zu scherzen war.
Doch sie hatte schon mit Verbrechern ganz anderer Kaliber zu tun gehabt.
Sie deutete auf den kleinen, grauen Koffer, der zu ihren Füßen stand. „Hier ist es. Aber zuerst geben Sie mir das Mädchen!“
Ohne den Blick von ihr abzuwenden, rief er: „Sie will das Mädchen. Bring es raus!“
Der Mann, der ein Stück hinter ihm stand, ging um den Van herum und öffnete die Türen zum Laderaum. Er kehrte mit einem zierlichen, dunkelhaarigen Mädchen zurück, höchstens zehn Jahre war sie alt. Den Kleidern, die sie trug, sah man an, dass sie sie länger nicht mehr gewechselt hatte und auch ihr Haar wirkte ungewaschen. Ihr Schluchzen zerriss die angespannte Stille, in die die Szene getaucht war. Sie musste oft geweint haben in den letzten Tagen, die Tränen hatten ihre Wege auf ihren Wangen gezeichnet.
„Hier ist sie.“
„Geben Sie sie mir!“
„Und wie sollen wir sicher gehen, dass wir das Geld bekommen?“ Das war keineswegs als Frage gemeint, wie ihr sein barscher Ton vermittelte, sondern ein Befehl.
Sie blieb ruhig. War ja nicht das erste Mal, dass sich Entführer absichern wollten.
„Okay, ich stelle den Koffer dort in der Mitte zwischen uns ab und gleichzeitig lasst ihr das Mädchen zu mir.“
Die beiden Männer warfen sich einen kurzen Blick zu, dann nickte der Vordere. „Gut. Keine falschen Tricks.“
Sie hob abwehrend die Hände. „Natürlich nicht.“ Bedächtig hob sie den Koffer an und machte ein paar vorsichtige Schritte auf die Männer in Blau zu. Eine falsche Bewegung hätte sie vielleicht ihr Leben gekostet. Doch sie war völlig konzentriert, ein Fehler würde ihr nicht unterlaufen. Wie in Zeitlupe streckte sie den Arm vor und deutete an, dass sie den Koffer nun abstellen würde, doch kurz vor dem Boden hielt sie inne und blickte ihren Gegenüber auffordernd an.
„Das Mädchen!“
„Lass sie laufen, Mann!“, rief der Eine dem Anderen zu. Dieser löste seinen Griff um ihren Arm und…
PENG. Ein Schuss zerschnitt die angespannte Stille.
Sie schreckte auf, ließ den Koffer geschockt fallen. Der Schuss – Er war aus dem Wald gekommen. Das bemerkten auch die Entführer.
Augenblicklich begannen sie, wild durcheinander zu rufen.
„Scheiße!“
„Verdammt!“
„Halt das Mädchen fest!“
Mit einer hektischen Bewegung riss der Hintere die Kleine wieder an sich, diesmal drückte er ihr eine Pistole, die er blitzschnell aus seinem Blaumann gezogen hatte, gegen den Kopf.
„Wie viele sind es?“, brüllte der Vordere und machte einen bedrohlichen Schritt auf sie zu. „Wie viele?
„Ich…“ Ihre Stimme versagte. Wie konnte das passieren? Welcher gottverdammte Anfänger war auf die Idee gekommen, einfach drauflos zu schießen? Die Entführer waren alarmiert, das Mädchen schwebte in höchster Gefahr! „Ich bin allein gekommen, so wie Sie gesagt haben.“
„Lüg nicht!“, schrie er und das, was sie von seinem Gesicht erkennen konnte, verzerrte sich zu einer angsteinflößenden Fratze.
Die Kleine wimmerte, sie wagte es nicht mehr zu weinen.
„Es kann ein Jäger gewesen sein!“, versuchte die Kommissarin verzweifelt, die Situation zu retten.
Der Entführer hielt für einen kurzen Moment inne. Das schien ihm gar nicht allzu abwegig. Doch da riss ihn die Stimme des Fahrers, der das Fenster an der Beifahrerseite geöffnet hatte, aus seiner Starre.
„Mann, lass dich von der nicht verarschen! Lass uns abhauen!“
Der Vordere schien dem Fahrer aufs Wort zu gehorchen und rannte zurück zum Van. Die Kommissarin stürzte panisch vor. „Nein, das Mädchen!
„Hey!“, schnitt der Entführer ihr warnend das Wort ab. Im nächsten Moment blickte sie in den Lauf einer Pistole. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Jetzt musste sie einen kühlen Kopf bewahren. Bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen. Nichts Falsches tun – Obwohl ‚falsch‘ in solchen Situationen schwer zu definieren war.
„Okay, keine Panik“, versuchte sie vorsichtig, ihm gut zuzusprechen. „Ich möchte nur das Mädchen. Wie abgemacht. Dann können Sie verschwinden.“ Sie konnte das Ganze retten, das wusste sie. Sie konnte es schaffen. Davon hing viel ab, doch mit Druck wusste sie umzugehen. Schließlich hatte sie nicht umsonst eine jahrelange Ausbildung an der Polizeischule absolviert, hatte sich durch schwierige Auswahlverfahren und niedere Posten gekämpft. Das alles, um Situationen wie diese in den Griff zu bekommen.
Der Entführer hielt die Pistole weiter direkt auf ihr Gesicht gerichtet. „Und war es auch abgesprochen, dass da im Wald…?“
Er wurde unterbrochen durch lautes, unkontrolliertes Rufen, laute, polternde Schritte, die sich rasch näherten. Oh nein. Nein, nein, nein. Das durfte nicht wahr sein. Sie hätte es wieder hinbekommen, alles wäre nach Plan verlaufen. Diese Idioten – Kaum sahen sie eine Waffe, schon stürzten sie aus ihren Verstecken!
Jetzt war alles vorbei. Sie machten alles zunichte.
Da waren sie auch schon. Stürzten auf die Entführer zu. Rissen meinen Gegenüber zu Boden, die Waffe traten sie ihm weg. Alles ging so schnell. Panik bei den Entführern, Panik bei mir. Ein riesiges Chaos, wie konnte das passieren?
PENG. Schuss. PENG. Ein zweiter. PENG. Der dritte.
Ich fuhr herum. Was war passiert?
Da sah ich das Mädchen – In einer immer größer werdenden Blutlache am Boden. Und es überraschte mich nicht. Ja, es ließ mich kalt. Gefühlslose Routine. Bis in den Tod.


Umbrella
24.4.10 18:32
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cally (25.4.10 19:22)
Ich liebe die Geschichte. Die hat am Ende so ein 'Uwah...'. So ein Gänsehaut-Feeling. Super. Wirklich! <3

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