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Freundschaft



Sie haben mich gewarnt. Sie haben mich alle gewarnt.
„Halte dich lieber fern von dem! Das kann nicht gut ausgehen!“
Aber ich wollte ja nie hören. Hab das alles mit einer pampigen Antwort dementiert. Eigentlich völlig zurecht. Bis vor genau einer Minute und 35, nein, 36 Sekunden. Denn vor genau einer Minute und 36, nun 38 Sekunden, hat er mir seine Liebe gestanden. So kitschig das klingen mag. Und vielleicht schüttelt ihr jetzt den Kopf und denkt euch: ‚Freu dich doch! Es gesteht einem immerhin nicht jeden Tag jemand seine Liebe!‘
Theoretisch habt ihr da völlig Recht. Es ist ja auch nicht so, dass ich ihn nicht mag. Im Gegenteil – Ich mag ihn wirklich sehr gern. Mit ihm habe ich den besten Sommer meines Lebens verbracht. Wir hatten mehr Spaß als ich jemals mit einem anderen Menschen hatte. Und mehr Alkohol und eine Menge spontane, verrückte Aktionen. Wir hatten sogar nicht nur Spaß, sondern haben auch Gespräche geführt, die man wohl guten Gewissens als ‚tiefsinnig‘ einstufen kann. Er war der beste Freund, den ich je hatte, obwohl dies unser erster Sommer war.
Der in diesem Moment zu Ende geht. Und das nicht nur, weil sich die Blätter langsam bunt färben.
Denn es gibt eine Reihe klitzekleiner Probleme, die alle auf gewisse Art und Weise zusammenhängen. Vielleicht sind sie auch nicht ganz so klitzeklein, wie ich sage.
Die Sache ist die. Er ist ein Junge. Ich bin ein Junge. Soll heißen: Wir sind beide Jungs. Und, nochmal zur Erinnerung, er hat mir vor geschätzten zwei Minuten seine Liebe gestanden!
Sie haben mich gewarnt. Meine Freunde, die Nachbarn, meine Mutter, mein großer Bruder. Sogar irgendwelche Leute von meiner Schule, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Das hätte mich doch alarmieren müssen. Oder wenigstens beunruhigen.
„Ihr könnt keine Freunde sein! Nicht du und … der! Du bist nicht so einer!“
Aber ich war mir so sicher. Ich wusste, dass an den Gerüchten etwas dran ist. In diesem kleinen, verschlafenen Städtchen bleibt schließlich nichts geheim.
Einmal habe ich ihn darauf angesprochen, weil ich es nicht mehr aushielt. Daraufhin meinte er ganz schlicht: „Ich weiß nicht genau, was über mich erzählt wird, aber es wird wohl die Wahrheit sein. Wenn du ein Problem damit hast, kannst du gehen und ich werde dich nie wieder belästigen.“
Doch ich bin geblieben.
Eigentlich ist es mehr als seltsam, dass der Tratsch über mich auf ein Minimum beschränkt bleibt. Naja, ich bin eben der brave, unschuldige Sohn aus gutem Hause. Mich will wohl niemand schlecht machen. Vielleicht wollen sie auch einfach nicht wahrhaben, dass der Musterjunge der Vorstadt langsam aber sicher sein makelloses Image ablegt. Es muss schließlich einen Guten und einen Bösen geben. Zu blöd, wenn beide zu einer Einheit werden.
„Du … musst nichts dazu sagen“, flüstert er unsicher, als zwei Minuten und 20 Sekunden vergangen sind. Für ihn ist das schon eine Leistung, so lange zu schweigen. Fast zweieinhalb Minuten. Normalerweise mag ich seine Schlagfertigkeit und dass ihm niemals die Worte ausgehen. Er ist eine Plaudertasche und das ist gut so, weil mir viel zu oft die Sprache fehlt. Er redet, ich höre zu und sage nur etwas, wenn mir danach ist. Wir ergänzen uns.
Nur in diesem Augenblick wünsche ich mir, er würde einfach für immer schweigen. Diesen Gefallen tut er mir leider nicht.
„Ich wollte es dir einfach nur sagen.“ Seine Stimme ist leise, sanft, als hätte er Angst, etwas Falsches zu sagen. So ist er nicht oft. „Ich hätte es vielleicht lieber nicht getan, ich weiß. Aber ich will ehrlich sein mit mir… und mit dir.“
Ich bin mir sicher, dass er sich vorher überlegt hat, was er sagt. Wer weiß, wahrscheinlich hat er es sich sogar aufgeschrieben oder sich Stichpunkte gemacht. Wie bei einem Referat über die Merkmale von Paarhufern. Nur dass das hier ein etwas anderes Thema ist mit einer etwas anderen Bedeutung.
„Du kannst jetzt machen, was du willst. Du kannst… sagen, dass ich ein Vollidiot bin, denn das bin ich auf jeden Fall, oder dass du es bereust, dich mit mir angefreundet zu haben. Oder du verpasst mir eine und gehst und ignorierst mich für den Rest deines Lebens.“ Er holt tief Luft. Seine blaugrauen Augen huschen unruhig über mein Gesicht. Er hat Angst vor meiner Reaktion, denn er weiß, egal was ich tue, es wird ihm das Herz brechen. Ich würde den Blick abwenden, wäre ich nicht vollkommen gelähmt von all den Gedanken, die in meinem Kopf umherirren.
„Aber… egal, wofür du dich entscheidest, ich werde es einfach hinnehmen. Ich bin der Depp. Ich bin Schuld. Und es tut mir Leid, dass ich dir so viele Probleme bereitet habe.“
Weitere Sekunden verstreichen. Ich habe aufgehört zu zählen. Es wird Zeit für mich, etwas zu sagen. Ich schlucke so laut, dass man es noch am Ende der Straße hören muss. Mein Hals ist staubtrocken.
„Es ist … zu spät.“
Die blaugrauen Augen schauen mich erschrocken an. „W-wofür?“ Seine Stimme klingt mindestens so rau wie meine.
„Für…“ Ich weiß selbst nicht, wie ich es sagen soll. In diesem Moment bestätigt sich, dass ich kein Künstler der großen Worte bin.
„Ich… ich kann doch jetzt nicht einfach Tschüs und Goodbye sagen“, bricht es da aus mir heraus. „Mir hat dieser Sommer eine Menge bedeutet, ich hoffe, dass es dir auch so geht. Also wie stellst du dir das vor? Einfach gehen und vergessen?“
„Nein, aber…“ Er spricht nicht weiter. Unglaublich, aber auch ihm fehlen mal die Worte. Er weiß wohl genauso wenig, wie es weitergehen soll. Wenn es weitergehen soll. Da sehe ich die Träne auf seiner Wange. Ohne zu zögern lege ich meine Arme um seinen Oberkörper. Ich glaube, zuerst ist er überrascht, fast erschrocken, aber dann legt er seinen Kopf an meine Brust. Meine Freunde finden es peinlich, dass wir uns manchmal umarmen oder der eine dem anderen den Arm um die Schulter legt. Aber zwischen uns gibt es keine Berührungsängste und an Vorurteilen und dem Tratsch der Gegend stören wir uns nicht.
„Ich hatte mich auf noch viele weitere Sommer gefreut.“
„Meinst du, das kriegen wir hin?“, sagt er leise, ohne aufzublicken.
„Wir… wir werden sehen.“
Ich weiß, dass es etwas Stärkeres zwischen uns beiden gibt als das Gerede der Leute, die fiesen Sticheleien der Clique und dieses Liebesgeständnis.
Es ist Freundschaft.


Umbrella
17.3.10 16:12
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cally (27.9.10 19:29)
Süß <3

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