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Flügel



Mit wehmütigem Blick sah er den Vögeln hinterher, die in großen Schwärmen nach Süden zogen.
Frei und trotzdem nie allein. Sie waren all das, was er nicht war.
Der purpurne Sonnenuntergang tauchte die Stadt in ein versöhnliches Licht. Doch es konnte den Sommer nicht zurückbringen.
Eine steife Brise strich über seine nackten Oberarme und ließ eine Gänsehaut zurück.
Wie schwarze Schatten hoben sich die kahlen Bäume vom brennenden Himmel ab. Fast gespenstisch reckten sie ihre dünnen Arme empor. Doch egal, wie sehr sie sich dem Himmel entgegenstreckten, der Stamm würde immer im Boden bleiben.
Ein Baum war eben nicht dazu gedacht, die Erde zu verlassen.
Vielleicht war das bei Menschen genauso. Vielleicht.
Er hatte keinen Stamm und keine Wurzeln, die ihn am Boden hielten. Aber er hatte auch keine Flügel, mit denen er davonfliegen konnte.
Der Zeiger seiner Uhr drehte seine Runden. Aus Purpurrot wurde Königsblau.
Die Natur hatte den Vögeln Flügel gegeben und den Bäumen Wurzeln. Also mussten Vögel fliegen und Bäume bleiben.
Doch die Menschen hatte die Natur verwirrt und bestimmungslos sich selbst überlassen.
Er legte den Kopf in den Nacken und schaute in den Nachthimmel.
Möglicherweise war den Menschen die Entscheidung nicht von Anfang an abgenommen worden. Sie mussten selbst wählen - Wollten sie ein Baum oder ein Vogel sein? Wurzeln oder Flügel?
Er hatte seine Entscheidung schon lange gefällt.
Langsam erhob er sich von der kalten Parkbank. Er würde wieder pünktlich zurück sein.

Genau ein Jahr später saß er wieder auf der Bank, diesmal hatte er an eine warme Jacke gedacht.
Der Sonnenuntergang schien fast noch farbenprächtiger zu sein. Die Bäume hatten ihren Platz nicht verlassen und versuchten weiter, den Himmel zu erreichen.
Man wollte schließlich immer, was man nicht haben konnte. Fast immer.
Er hatte den Blick starr nach oben gerichtet. Und wartete.
Dann sah er sie - die großen Schwärme der Wildgänse, die dem herannahenden Winter entflohen. In V-Anordnung überquerten sie den Himmel.
Er holte tief Luft, spürte ein angenehmes Kribbeln im Magen. Nervös war er nicht und Angst hatte er erst recht nicht.
Lautlos glitt die Jacke von seinen Schultern und fiel zu Boden. Er spannte seine Flügel und hob sanft vom Boden ab. Mit der Sonne im Rücken folgte er den Vögeln, zu denen er sich von nun an zählte.

Umbrella
24.1.10 18:53
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Lennart (24.1.10 19:49)
Sehr schön.
Mir gefällt die Symbolik von "Bäumen" und "Vögeln" in diesem Gedicht.
Ich möchte auch gerne ein Vogel sein.


Cally (25.1.10 21:47)
'Sie mussten selbst wählen - Wollten sie ein Baum oder ein Vogel sein? Wurzeln oder Flügel?'
Das ist eine wunderbare Überlegung. Im Grunde ist das total simpel, aber du hast es sehr schön geschrieben.
Ich wäre auch gerne ein Vogel.

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