Paperback Writers

Bratäpfel



Eine ... Weihnachtsgeschichte. Naja, was soll's - Im Herzen ist doch immer Weihnachten. =DD
Ursprünglich hat die Geschichte auch gar keinen Titel. Hab ich für 'nen Adventskalender geschrieben. Aber naja, "Bratäpfel" ist jetzt der total bekloppte Aushilfstitel.


Die morgendlichen Nachrichten reißen mich unsanft aus dem Schlaf.
Mist! Gestern habe ich vergessen, den Wecker auszuschalten! Ich wusste doch, dass da was war! Aber nein, Madames Gedächtnis gleicht ja einem Schweizerkäse, und nun muss ich mit den Folgen leben.
Seufzend drehe ich mich auf den Bauch, wobei die Decke aus dem Bett fällt. Klasse, jetzt ist mir auch noch kalt. Besser kann der zweite Advent ja gar nicht beginnen.
Hilflos bleibe ich liegen und lausche dem Tagesgeschehen, während sich eine Gänsehaut auf meinen Beinen ausbreitet.
Die Nachrichten sind wirklich kein guter Einstieg in den Tag. Überall Gewalt und Zerstörung. Und da wundert man sich, wieso die Arbeitskollegen immer so schlecht gelaunt sind.
Ein Selbstmordattentat in Kabul. Neue Truppen werden nach Afghanistan geschickt. Wie soll man da auch mit einem Lächeln in den Tag starten?
Ein Politiker, von dem ich noch nie gehört habe, wurde von seinen Parteikollegen stark kritisiert. Ohne diese Information wäre ich jetzt wirklich dumm gestorben. Mit Politik konnte ich noch nie etwas anfangen. Klar, ich habe es versucht. Durch die zehnte Klasse hätte ich es schließlich nicht geschafft, ohne die Begriffe Parlamentarismus und Überhangmandat erklären zu können. Und ab und zu gebrauche ich auch mein Wahlrecht. Aber mehr als nötig muss ich da nun wirklich nicht Bescheid wissen.
Im Westen Frankreichs ersaufen ganze Städte in den Regenfluten der letzten Tage. Kein Wunder, denn ich erwarte auch schon jeden Morgen aufs Neue, meine Gummistiefel aus der hintersten Ecke des Schranks kramen zu müssen. Seit Tagen nur Regen, ich halte das kaum noch aus. Doch was tut man nicht alles, um sich nicht mitten in Winterdepressionen wiederzufinden? Vorgestern habe ich meine verstaubte O.C., California-DVD-Sammlung hervorgeholt – Alle vier Staffeln! Damit schaffe ich es noch durch ein paar regnerische Tage.
Und nun das Wetter – Regen, Regen, Regen. Jetzt reicht es mir. Ich ziehe den Stecker neben meinem Kopfkissen, bevor der Radiowecker mir noch mehr die Laune vermiesen kann. Und weil ich mir bloß eine Erkältung einhandle, wenn ich noch länger so liegen bleibe, kann ich mich endlich dazu überwinden, aufzustehen.
Ich werfe mir den geblümten Bademantel über, den ich zum vierundzwanzigsten Geburtstag von meiner Mutter geschenkt bekommen habe. Er sieht wirklich furchtbar aus, aber wenigstens ist er warm.
Ich gehe in die Küche, wo ich unschlüssig die Schränke anstarre. Müsli oder Toast? Tee oder Kaffee? Am Tisch oder vor dem Fernseher, begleitet von Ryan Atwood, der sich mit Bad-Boy-Blick durch Newports High-Society prügelt? So viele Entscheidungen am frühen Morgen!
Letztendlich fische ich mir eine Banane aus dem Obstkorb und setze mich auf die Theke, um mir noch etwas Bedenkzeit zu geben.
Meine Füße baumeln in der Luft und ich entdecke den Rest knallroten Nagellack, der bestimmt schon monatelang auf meinen Zehen überlebt hat. Sollte ich unbedingt abmachen. Bei meinen Fingernägeln bin ich den Tränen nahe, wenn mir einer abbricht, doch meine Zehennägel erfreuen sich großzügiger Ignoranz.
Da fällt mein Blick auf den Adventskranz auf dem Küchentisch (made by Mama). Und weil ich gerade sowieso nichts anzufangen weiß, schnappe ich mir das Feuerzeug, das daneben liegt, und zünde zuerst die schon etwas heruntergebrannte Kerze an, dann die jungfräuliche daneben.

Seufzend setze ich mich auf einen Stuhl und starre gedankenverloren in die Flammen.
Der zweite Advent. Meine Mutter hat, als wir noch alle zu Hause gewohnt haben, jeden Sonntag im Dezember für jeden von uns einen Bratapfel gemacht. Mit ganz viel Zimt und noch mehr Vanillesauce. Wenn ich so daran zurückdenke, vermisse ich das.
„Im Advent nimmt man sich Zeit für seine Liebsten und verwöhnt sie ein bisschen“, hat sie immer gesagt und dabei meinen Vater wie frisch verliebt angelächelt. Ich glaube, die Bratäpfel waren sowas wie eine Wiedergutmachung für all die Male, die sie nicht für uns da sein konnte. Manchmal habe ich gedacht, die Arbeit im Restaurant wäre ihr wichtiger als ihre Familie. Aber in der Weihnachtszeit, da hat sie all das wieder aufgeholt. Aber diese Zeiten sind wohl vorbei.
Vielleicht ist es jetzt an mir, meine eigenen Liebsten zu verwöhnen. Insgeheim würde ich gerne jemandem selbstgemachte Bratäpfel servieren, wenn ich mich daran erinnere, wie sehr ich mich als Kind immer darüber gefreut hab. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie man Bratäpfel macht. Und wem sollte ich schon welche machen? Ich bin vierundzwanzig, gerade mit der Uni fertig und kann mit der neuen Selbständigkeit nicht umgehen. Keine Kinder, kein fester Freund, nichtmal eine Lieblingscousine.
Wobei das mit dem festen Freund schon komisch ist. Noch kein einziges Mal in meinem ganzen, kümmerlichen Leben habe ich Weihnachten zu zweit verbracht. Noch nie! Das ist wirklich deprimierend. Anscheinend sind meine Verflossenen immer der Meinung gewesen, es sei Zeit, mit mir Schluss zu machen, bevor der Dezember anbricht. Vielleicht wollten sie das Fest der Liebe nicht mit mir, einem absoluten Weihnachts-Junky, verbringen. Die meisten Männer stehen eher weniger auf Adventskränze, Zimtsterne und Kassetten von Rolf Zuckowski. Das kann ich zwar niemandem verübeln, aber ich würde meinen Drang nach Adventsromantik auch zurückstellen für einen heißen Blonden mit treuen blauen Augen… Meinetwegen auch für einen nicht ganz so heißen. Auf die blonden Haare würde ich auch verzichten und die Augenfarbe ist bei wahrer Liebe sowieso nicht so wichtig. Eigentlich würde ich fast jeden nehmen (die Betonung liegt auf fast!), um Weihnachten nicht allein verbringen zu müssen – Aber am liebsten wäre mir natürlich…

Ich halte inne. Wurde da nicht gerade eine Tür zugezogen? Und das sind eindeutig Schritte im Hausflur – Frauenschritte! Die Absätze müssen wirklich halsbrecherisch sein, so laut, wie es im Flur schallt.
Sofort springe ich auf, sprinte in den Flur und drücke das Gesicht gegen die Tür, sodass ich durch den Türspion schauen kann. Nichts. Die Unbekannte hat sich aus meinem Sichtfeld verdrückt.
Im gleichen Moment komme ich mir furchtbar lächerlich vor. Genauso schnell wie ich zum Spion gesprungen bin, entferne ich mich jetzt wieder. Das ist doch wirklich peinlich. So langsam werde ich paranoid. Nein, nicht paranoid – Ich bin eifersüchtig.
Ich gehe ins Wohnzimmer und werfe mich auf die Couch. Per Fernbedienung starte ich Folge 15 der ersten Staffel. Ich brauche jetzt Ablenkung. Hoffentlich wird in dieser Folge nicht zu viel herumgeknutscht. Doch eigentlich schaue ich gar nicht richtig hin, sondern vergrabe mich in meinen Gedanken.
Es fällt mir schwer, mir das einzugestehen, aber ja, ich bin eifersüchtig. Auf jede Frau, die seine Wohnung verlässt. Und das sind leider nicht wenige. Ich kenne ihn ja gar nicht, deshalb sollte ich keine Besitzansprüche erheben. Aber ich kann nichts dagegen tun.
Ich mache mir keine Hoffnungen und rechne mir nicht den Hauch einer Chance bei ihm aus. Trotzdem hasse ich es, wenn er mir mal wieder vor Augen führt, was er für ein Leben führt und wie meins dagegen aussieht – Auch wenn er das nicht mit Absicht macht. Ich weiß, er ist für mich unerreichbar. Und niemals im Leben würde er sich für mich interessieren. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Da trifft mich die Erinnerung wie ein Blitz – Verdammte Sch…
Fluchend springe ich auf und laufe wie vom Teufel gehetzt zurück zur Tür. Ein Blick durch den Spion und – Puh! Der Stiefel steht noch an Ort und Stelle, etwas rechts von seiner Wohnungstür. Dieses Weib hat nichts mitgehen lassen. Ist auch ihr Glück!
Erleichtert rutsche ich an der Tür hinunter, sodass ich auf dem zugegeben kalten Boden sitze.
Es ist albern. Und würde ich länger darüber nachdenken, käme ich zu dem Schluss, dass ich schleunigst in den Hausflur laufen und den Stiefel wegnehmen sollte, bevor er ihn findet. Doch ich habe mir hundertmal eingebleut, dass ich das durchziehe. Nur dieses eine Mal will ich mutig sein.

Gestern Nacht habe ich mich so lange mit Staffel Nummer eins wach gehalten, bis ich endlich Schritte im Hausflur gehört habe. Jetzt, wo ich so daran zurückdenke, ist mir gar nicht aufgefallen, dass es Schritte von vier und nicht von zwei Füßen waren. Ist ja auch egal, ich muss es gut sein lassen!
Seth Cohen, der Gott des Sarkasmus, hätte es nicht eine Sekunde länger geschafft, mich vom Schlafen abzuhalten. Es war so spät, dass es schon wieder früh war. Doch dann hörte ich die Schritte. Ich wartete noch ein paar Minuten, dann nahm ich den linken Part – links passt eindeutig besser zu ihm als rechts – meiner Lieblingsstiefel und schlich mich in den Hausflur. Mein Herz pochte so laut, dass ich Angst hatte, es würde mich verraten. Ich schaffte es unbeobachtet, den Stiefel vor seiner Tür abzustellen und schnell wieder in meiner Wohnung zu verschwinden. Das wäre mehr als peinlich geworden, hätte er mich gesehen, wie ich Nikolaus spiele. Die ganze Sache ist schon so ziemlich peinlich.

Ich benehme mich sowieso grundsätzlich wie ein kleines, verknalltes Schulmädchen, wenn ich ihm im Flur begegne. Da fällt mir sogar direkt ein Beispiel ein. Es war das erste Mal, das ich ihn traf. Er war erst ein paar Tage zuvor eingezogen.
Ich hatte gerade Wäsche aus dem Trockner im Keller geholt und hatte den Wäschekorb unter dem Arm, als ich mich schnaufend die Treppen zum zweiten Stock hinaufquälte. Die Hand hatte ich mir gerade noch am Trockner geklemmt und den Kopf an der niedrigen Kellerdecke gestoßen, bisher war es wirklich nicht mein Tag gewesen.
Und er stand vor seiner Wohnungstür und schien nach seinem Schlüssel zu suchen. Als er mich hörte (wie ein Nashorn habe ich geschnauft!), drehte er sich um und lächelte. Das schönste und ehrlichste Lächeln, das ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Das war wohlgemerkt auch eins der wenigen Male, das ich ihn so habe lächeln sehen.
„Oh, hi, ich bin der neue Nachbar“, stellte er sich verschmitzt vor, ohne mir die Hand zu geben. Kein Name, kein nichts. Erst bei einem späteren Hausflur-Treffen erfuhr ich, dass er Milan heißt.
Verzweifelt versuchte ich, den Wäschekorb hinter meinem Rücken verschwinden zu lassen. Er sollte meine uninteressante, verwaschene Unterwäsche nicht sehen. Das war vielleicht lächerlich, aber es war mein erster Gedanke.
„Hi“, erwiderte ich perplex und bestimmt starrte ich ihn an wie einen Außerirdischen. „Ich bin… ich wohne… nebenan.“ Hilflos fuchtelte ich mit dem Finger in der Luft herum, um ihm zu zeigen, dass ich in der Wohnung direkt neben ihm wohne.
„Gut zu wissen“, zwinkerte er und ließ sich von meiner Stammelei gar nicht beirren. „Wenn ich mal Eier oder Mehl brauche, weiß ich jetzt, wen ich fragen kann.“
Ich musste lachen. Er war witzig und schien verdammt gut gelaunt. Dass das nicht immer der Fall ist, ist mir im Laufe der Zeit immer mehr klar geworden. Manchmal ist er genau so wie bei diesem ersten Treffen – Fröhlich, witzig, charmant… Doch oft ist er genau das Gegenteil. Dann stampft er mit gesenktem Kopf in seine Wohnung, die Hände in den Jackentaschen vergraben, die Tür schmeißt er geräuschvoll hinter sich ins Schloss. Und dieser Zustand liegt in der Häufigkeitsskala eindeutig vorne. Meistens spreche ich ihn an oder grüße ihn wenigstens freundlich, obwohl seine Körpersprache eindeutig Lass mich bloß in Ruhe! sagt. Doch ich weiß aus Erfahrung, dass man genau in solchen Moment durch kleine Gesten aufgemuntert werden kann. Auch wenn ich natürlich nicht beurteilen kann, ob ich ihn aufmuntere oder eher verärgere. Ich würde alles dafür geben, zu wissen, was in ihm vorgeht.
„Obwohl es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich deshalb mal anklopfe“, fügte er hinzu. „Kochen gehört nämlich nicht gerade zu meinen Talenten.“
„Zu meinen auch nicht“, gab ich zu. „Aber ich bemühe mich.“
„Meine Versuche würden in einem Küchenbrand enden, ganz sicher!“, grinste er. „Und ich will mich ja nicht gleich unbeliebt im Haus machen.“
„Bei mir könnten Sie sich nie unbeliebt machen“, rutschte es mir heraus. Die Erinnerung lässt mir jedes Mal wieder das Blut in den Kopf schießen. Im nächsten Augenblick verfluchte ich mich schon dafür. „Ähm, ich meine…“
Doch er lachte nur. Wahrscheinlich lachte er mich aus. Vielleicht aber auch nicht.

Denn dieser Unterhaltung folgten noch einige weitere. Ich habe jede einzelne davon in meinem Kopf abgespeichert, sodass ich sie nie wieder vergessen kann. Manchmal trifft man sich im Keller, bei den Waschmaschinen. Einmal stand er ratlos vor dem Trockner und studierte die kleinen Knöpfe und Rädchen. Als ich ihn so da stehen sah, musste ich laut anfangen zu lachen. Doch er lachte mit.
Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich glaube, irgendwo gibt es da eine Synthese zwischen uns. Wenn auch nur eine verdammt kleine, schwache.
Auf den ersten Blick sind wir einfach von Grund auf verschieden – Ich arbeite in der Verwaltung eines Instituts, das Qualitätskontrollen von Lebensmitteln durchführt, trage Kordhosen, Poloshirts und fliederfarbene Flanellpullunder. Wenn ich mal eine Mütze trage, ist das schon ein Modehighlight. Meine Abende verbringe ich mit guten Freunden in unserem Lieblingscafé oder ich schmachte Ryan Atwood oder seine Hollywoodkollegen vor dem Fernseher an. Einmal in der Woche kommen meine Eltern zu Besuch und werfen mir an den Kopf, dass ich keinen Haushalt führen kann. Jeden zweiten Tag telefoniere ich mit meiner Schwester, die sich mit ihrem Mann nach Kanada verdrückt hat. Als vor ein paar Monaten mein Kater Watson gestorben ist, war meine kleine, sichere Welt gleich auf den Kopf gestellt. Ich mag mein Leben, aber ich glaube, niemand würde gern mit mir tauschen.
Man betrachte dagegen Milan – Dunkelbraunes Out-Of-Bed-Haar (Das muss doch Absicht sein! Oder kann ein Mensch wirklich keine Bürste haben?), Jeans mit Löchern am Knie, lässige T-Shirts mit wirrem Aufdruck. Er scheint ein echter Chaot zu sein, kümmert sich um nichts und niemanden und nervt niemals Fremde oder Nachbarn mit seinen Sorgen oder seinem Missfallen am aktuellen Geschehen. Jedes Wochenende findet eine Andere nach einem langen, bestimmt ausgelassenen Abend den Weg in sein Bett. Er ist Musiker. Zumindest glaube ich das. Einmal hat er erwähnt, dass er zur Arbeit ins Studio fährt. Und in seinem Kofferraum stapeln sich die Gitarrenkästen. Manchmal, wenn es ganz still in meiner Wohnung ist, höre ich ihn spielen. Wenn er schlecht drauf ist, schmeißt er die Wohnungstür zu und wenige Sekunden später höre ich ohrenbetäubenden Rock’n’Roll durch die Wand. Wenn er gut gelaunt ist, ist es eher Jazz, würde ich sagen. Ich kenne mich da nicht so gut aus. Ich weiß, dass er oft auf Konzerte geht. Manchmal schreibt er Artikel darüber für eine Szene-Zeitschrift, hat er mal erwähnt.
Doch sonst weiß ich eigentlich kaum etwas über ihn. Außer dass er mir verdammt noch mal gefällt. Schade, dass ich ihm niemals gefallen werde. Zumindest nicht so.

Seufzend rappele ich mich wieder auf und gehe in die Küche. Entscheidungen sind da, um getroffen zu werden. Toast, Kaffee, vor dem Fernseher. Perfekt.
Ich stecke den letzten Toast in den Toaster und will die leere Plastikverpackung in den Mülleimer befördern. Doch der ist voll. Schon wieder. Hab ich den nicht erst vor … Naja, gut. Ich ziehe die Mülltüte aus dem Eimer und knote sie oben zusammen. Schon als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, fand ich Müllrausbringen mit Abstand am schlimmsten von allen Hausarbeiten. Aber was muss, das muss.
Prüfend trete ich vor den Spiegel im Flur. So kann ich nicht rausgehen. Meine Haare hängen mir fettig vom Kopf, meine Stirn ist pickelig wie nie (Blöde Hormone! Ich dachte immer, nach der Pubertät wäre das endlich vorbei!), Augenringe schmücken mein Gesicht. Nicht zu vergessen mein knapper Pyjama mit dem geblümten Bademantel. Andererseits habe ich auch keine Lust, mich vorher noch umzuziehen. Eigentlich ist der Plan, den ganzen Sonntag im Bademantel auf der Couch zu verbringen. Und die Mülltonnen sind nur einen Katzensprung von der Haustür entfernt… Vielleicht habe ich Glück und niemand sieht mich. Und wenn doch, erkennt man mich wahrscheinlich sowieso nicht.
Also, was soll’s!
Ich schlüpfe in die hässlichsten Schuhe, die ich finden kann, und reiße die Tür auf. In Gedanken stoppe ich die Zeit. Ich will lossprinten, doch der erste Schritt trifft gleich auf Widerstand…

Verdutzt schaue ich auf den schwarzen Converse-Schuh mit neongrünen Schnürsenkeln, den ich im Eifer meiner Aufgabe umgestoßen habe. Was macht dieser Schuh vor meiner Wohnungstür?
Mein erster Gedanke ist, dass ihn jemand verloren hat. Aber wer verliert schon seine Schuhe im Treppenhaus und lässt sie dann herumliegen? Mir würde es auffallen, wenn ich nur noch mit einem Schuh meinen Weg fortsetze.
Der zweite Gedanke klingt schon logischer – Es ist Milans Schuh (Könnte ich mir sehr gut an einem Fuß vorstellen, auch wenn die Schnürsenkel etwas klischeelastig wirken.), der vielleicht zu weit in meine Richtung geflogen ist. Doch vor seiner Tür steht nichts außer meinem Lieblingsstiefel.
Schon fast bedächtig hebe ich den Schuh auf. Er ist … schwer. Ich falle fast in Ohnmacht, als ich sehe, dass der Schuh gefüllt ist.
Mit pochendem Herzen greife ich hinein. Ein Notizzettel ist das Erste, was mir in die Finger kommt.
Hatte keinen Stiefel, tut mir Leid! Hoffe, dieser Schuh tut’s auch! Milan
Das kann doch nicht sein Ernst sein! Ich hätte den Weltuntergang eher erwartet als das hier! Dann hat er sich also wirklich daran erinnert, dass ich ihm erzählt habe, wie sehr ich Weihnachten und all die kleinen Bräuche drumherum liebe? Dass ich den Nikolaustag feiere und die Sache mit dem Stiefel vor der Haustür wirklich vermisse? Dass ich finde, dass das eine schöne Geste ist?
Dabei hatte ich den Eindruck, er hat mir gar nicht richtig zugehört. Er hat mir erzählt, dass er Weihnachten nichts abgewinnen kann und dieser ganze Kommerz ihm auf die Nerven gehe. Und den Nikolaustag kannte er doch gar nicht! Er hatte noch nie etwas von dem Brauch mit dem Stiefel vor der Tür, der über Nacht gefüllt wird, gehört! Warum um alles in der Welt steht jetzt sein abgelaufener Turnschuh vor meiner Haustür, gefüllt mit einer kleinen Tüte Zimtsternen (Habe ich wirklich gesagt, dass ich die so liebe?) und einer Kassette? Ich betrachte letzteres näher. Auf der Hülle steht in der gleichen Schrift wie auf dem Notizzettel Silent Night. Silent Night? Stille Nacht, heilige Nacht?
Ich brenne vor Neugierde, was auf der Kassette ist. Der Müll ist schon lange vergessen und mit entrücktem Lächeln stehe ich in der Tür und starre den Schuh wie das achte Weltwunder an. Nicht zu fassen, aber ich bin nicht allein mit meiner peinlichen Idee mit dem Nikolausstiefel gewesen. Wann hat er den Schuh bloß vor meine Tür gestellt?
Plötzlich spüre ich ein aufgeregtes Kribbeln in den Fingern. Ich muss sofort meine Mutter anrufen und sie nach dem Rezept für ihre Bratäpfel fragen!
Vielleicht ist noch nicht alle Hoffnung verloren. Vielleicht bin ich doch nicht dazu verdammt, an Weihnachten allein zu sein. Vielleicht kann ich Milan mal Bratäpfel mit Zimt und Vanillesauce machen. Vielleicht nicht dieses Jahr, aber wer weiß, vielleicht nächstes?


Umbrella
13.1.10 21:39
 


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cally (14.1.10 16:08)
Ich finde das so süß. Echt, das ist verdammt niedlich. Auch wenn ich dich aufessen könnte, weil es kein 'vollkommenes' Happy End hat. Aber inzwischen kann ich mich viel mehr damit anfreunden. Milan erinnert mich an irgendwen...egal, süße Geschichte.
Du bist meine Heldin. Magst du mir bei meinem neuen schriftlichen Attentat auf die virtuelle Welt helfen?
Lieb dich


Cally (14.1.10 16:09)
Ach ja, Bratäpfel ist ein sehr süßer Titel.


Umbrella / Website (15.1.10 15:07)
Sicher, welches Attentat planst du? (;


Cally (16.1.10 18:37)
Erzähl ich dir bei ICQ. Ist geheim *Muhaha*
(;

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