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Victim of the City...Life is not a party



Er zieht an seiner Zigarette. Das Ende glüht rot auf, erlischt aber gleich wieder. Er nimmt noch einen tiefen Zug, dann wirft er die Kippe auf den Boden und tritt sie aus. Ziemlich überflüssig eigentlich, denn in dem knöchelhohen Schnee hätte sie es sowieso nicht lange überlebt.
Er geht ein paar Schritte, so dass die Straßenlaterne sein Gesicht etwas erhellt und ich ihn besser betrachten kann. Er ist hübsch. So abartig hübsch, dass es eigentlich kriminell ist. Sein Name ist Aljoscha, aber alle nennen ihn Ali. Warum weiß niemand. Er hat nie darum gebeten, so genannt zu werden. Aber er hat sich auch nie beklagt.
Langsam trete ich zu ihm in den matten Lichtkegel. Er mustert mich und zieht eine neue Zigarette aus seiner Jackentasche. Ich krame mein Feuerzeug hervor und er kommt ein winziges Stück näher.
Schon seit geraumer Zeit ging in sämtlichen Schwulenbars in New York die Nachricht des ‚besten Schwulenstrichs’ rum. Russen, jung, heiß und billig. Sie waren gekommen, weil sie dem Mythos verfallen waren, Amerika, Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Alle Jungs waren arm und würden sich für Geld sogar ein Bein ausreißen. Aber Arbeit fanden sie hier eigentlich nicht. Keine richtige. Sie wurden alle Opfer dieser Stadt – sie wurden alle Stricher.
„Aljoscha?“, frage ich. Er sagt nichts, sieht mich nur weiter an. Er ist kleiner als ich, mindestens einen Kopf. In seinem hellbraunen Haar hängen Schneeflocken.
„Ali.“, und er nickt.
Während er schweigend raucht, betrachte ich ihn. Selbst für seine Größe ist er ziemlich dünn. Jedes Mal, wenn er ein bisschen Asche von seiner Kippe schnipst, kann ich jede einzelne Sehne spielen sehen. Seine Finger sind unglaublich schmal und die Spitzen sehen ungesund hellblau aus. Man muss allerdings zugeben, dass er sich für das Wetter hier ziemlich unvorteilhaft gekleidet hat. Sein T-Shirt ist ziemlich kurz und so weit ausgeschnitten, dass ich sein Brustbein sehen kann, die dunkelblaue Strickjacke mit der pelzbesetzten Kapuze ist offen. Außerdem habe ich noch nie eine Jeans gesehen, die so eng sitzt und so kaputt ist – bei den heutigen Trends bin ich mir gar nicht mal sicher, ob das Absicht ist, oder nicht.
Auch schlichte Vans erscheinen mir bei dem Schnee irgendwie unpassend. Aber eines muss ich zugeben: Er macht seine Sache gut. Denn er sieht einfach verdammt gut aus.
Die neue Kippe landet fast direkt neben der ersten und er sieht mich mit beängstigend schönen blauen Augen an. Ich wette, er hat mich auch betrachtet, mein Durchschnittgesicht, die absolut korrekte Kombi aus Anzug, Mantel, Schal und teuren Schuhen. Ein flüchtiges Lächeln huscht über seine vollen Lippen.
„Ich bin Brandon.“
„Okay. Gehen wir?“
Er redet mit stark russischem Akzent, was irgendwie sexy klingt, und sieht mich fragend an.
„Klar.“
Während ich ihn zu meinem Auto führe, erläutert er mir seine ‚Regeln’.
„Ich mache alles, außer Bondage, SM und verbundene Augen.“
Ich entriegele die Türen meines Volvos, er steigt rechts ein, ich links. Während ich den Motor starte und langsam rückwärts vom Bahnhofsparkplatz rolle, mustert er mich, ich spüre den stechenden Blick. Wieder lächelt er, und ich schlucke schwer. Er sieht gut aus.
„Ich küsse auch.“, sagt er in die Stille hinein. Ein Zucken geht durch meinen Körper, als ich mir vorstelle, wie es sein wird, seine Lippen zu berühren.
Die Fahrt kommt mir zu kurz und zu lang gleichzeitig vor und ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll, als ich in meiner Einfahrt parke. Wir schnallen uns ab und Ali folgt mir in die Wohnung. Ich drehe ihm den Rücken zu um meinen Mantel auszuziehen, als er plötzlich meine Hände festhält, und sie mit sanfter Gewalt von den Knöpfen wegzieht. Seine eigenen machen sich nun an den Knöpfen zu schaffen und als er sie alle aufgenestelt hat, zieht er mir den Mantel von den Schultern. Ich drehe mich und sehe ihn an. Er greift nach meiner Krawatte und geht rückwärts ins Wohnzimmer, zieht mich mit. Er lässt mir keine Zeit das Licht anzuschalten, drückt mich auf das Sofa und sieht mich an. Ich habe das ungute Gefühl, dass ich jetzt irgendwas machen muss und winde mich nervös. Doch Aljoscha lächelt nur wieder das geheimnisvolle Lächeln und schüttelt den Kopf.
Beinahe lautlos gleitet die Jacke von seinen Schultern. Er schlüpft aus den Vans und geht einige Schritte zurück. Im Halbdunklen wandert er im Zimmer umher, während er sich wie beiläufig das knappe T-Shirt über den Kopf zieht.
Mir stockt der Atem. Eigentlich stehe ich auf machomäßige Kerle mit Sixpack, denn ich bin bekennender Uke. Aber gerade macht mich dieser schlanke, ausgemergelte Körper, mit blasser Haut so unglaublich an, dass ich zischend die Luft einatme und geradezu darauf brenne, auch mal den aktiven Part zu probieren.
Er stört sich scheinbar nicht an der Tatsache, dass ich da bin, ignoriert mich und öffnet den Knopf seiner Jeans. Ich schlucke.
In dem Moment dreht er sich zu mir um. Er kommt auf mich zu und öffnet dabei den Reißverschluss. Er steht direkt vor mir, so dass mein Blick zwangsläufig direkt auf seine einladend geöffnete Hose fällt. Der schlichte schwarze Slip scheint meinen Namen zu sagen und ich kann dem Drang nicht mehr widerstehen, hake meine Daumen in die Gürtelschlaufen und ziehe ihm die Hose von den schmalen Hüften. Er tritt noch einen Schritt vor, aus der Hose heraus und kniet sich auf meinen Schoß.
Ich traue mich kaum seine Haut zu berühren, doch er nimmt meine Hände und legt sie um sich. Eiskalt.
Langsam fahre ich mit dem Zeigefinger seine Rückenwirbel herab, bis ich an den Saum seines Slips komme und beschämt innehalte.
„Ich…“, setze ich an, aber er schüttelt den Kopf und kommt mir so nahe, dass unsere Nasen sich berühren, dann drückt er meine Hand entschieden weiter nach unten. Seine weiche, kalte Haut, über die ich nun schon wesentlich forscher streiche, scheint den Bann langsam zu brechen, denn ich wage es, die letzten Zentimeter zu überbrücken und unsere Lippen berühren sich.
Er klammert sich in meine Schultern und drückt mich in das Sofa, seine Zunge drängt sich in meinen Mund und ich gewähre ihr Einlass. Ali ist ein Könner. Ich verbanne den Gedanken an die anderen Männer, an denen er üben durfte, aus meinem Kopf und schließe die Augen.
Ich weiß zwar noch nicht lange von meinen sexuellen Vorlieben, aber kann trotzdem behaupten, dass ich schon einige Jungs geküsst habe. Allerdings waren die Küsse im Vergleich hierzu einfach nur…lahm.
Ich habe keine Ahnung, was genau seine Zunge in meinem Mund anstellt, aber es macht mich scharf. Fast ist es mir peinlich, dass ich alleine von einem Kuss so erregt bin.
Er scheint das allerdings zu spüren, denn plötzlich gleiten seine Hände an meinen Hals, zerren die Krawatte los und beginnen hektisch die Knöpfe zu öffnen. Ein wahrer Profi, denn er schafft es, ohne das Hemd zu zerstören und ohne den Kuss auch nur eine Sekunde zu lösen.
Seine schmalen, kühlen Hände, die über meine Brust wandern entlocken mir ein Stöhnen, dass mir unter normalen Umständen peinlich wäre. Aber jetzt ist es befriedigend zu stöhnen.
Mein Hemd landet neben den anderen Sachen auf dem Boden und als sich Aljoscha immer weiter nach unten küsst, folgt auch bald meine Hose. Er will sich schon an meine Boxershorts wagen, als ich seine Hände ergreife und um meinen Hals lege. Er begreift sofort und klammert sich an mich, damit ich ihn ins Schlafzimmer tragen kann.
Mehr als einmal höre ich ihn meinen Namen stöhnen, und alleine sein Akzent bringt mich dazu, den seinen zu keuchen.

Ich liege lang gestreckt auf dem Bett, die Decke verhüllt meine nackte, untere Körperhälfte, und betrachte den dösenden Körper neben mir.
Der Blondschopf, an dessen Namen ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann, war ein ganz unterhaltsamer Genosse, seine Finger nicht zu verachten. Aber ich will ihn im Moment einfach nur so schnell wie möglich loswerden.
Bewusst laut stehe ich auf und gehe ans andere Ende des Zimmers. Der einzige Vorteil von Geschäftsreisen ist, dass ich immer Hotels bekomme, die diskret genug sind, beim Anblick eines Managers in Begleitung eines Neunzehnjährigen nicht sofort die halbe Truppe wachklingeln um das neuste Gerücht zu verbreiten.
Eben jener Neunzehnjähriger, Jack, John, Jamie?, setzt sich im Bett auf und murmelt verschlafen: „Morgen.“
„Morgen.“, sage ich unwirsch.
Ich krame nach meiner Tasche, wühle mein Portemonnaie hervor, werfe ein paar Scheine auf die Decke und sage: „Ich bin duschen. Sieh zu, dass du hier raus kommst.“
Er sagt nichts, während er seine Sachen zusammensucht, sich anzieht und aus dem Hotelzimmer geht. Ich drehe das heiße Wasser voll auf und lasse es mir auf den Nacken prasseln. Seit Aljoscha war ich nicht mehr passiv. Und ich hatte kein einziges Mal wieder eine so schöne Nacht.
Erneut taucht der Brief vor meinen Augen auf.
Ich war am Morgen aufgewacht, die andere Seite des Bettes war gemacht und ein Zettel lag auf dem Kissen. Irgendwie James – Bond – mäßig klischeehaft.
Die Schrift war klein und undeutlich, aber noch heute kann ich den ganzen Text wortwörtlich herunterbeten.

Brandon
Niemand hat mich bis jetzt Aljoscha genannt. Danke.
Eigentlich küsse ich nicht.
Ich wäre gerne geblieben. Aber du weißt ja…Life is not a party.
Aljoscha



Cally
11.1.10 22:03
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Umbrella / Website (11.1.10 22:22)
Ich finde, der "Abschiedsbrief" passt gut ans Ende und die Victim Of The City-Stelle genauso gut an den Anfang. (: Also - Gut so. :D

<3

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