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Sie redete.



Bevor ich den Schlüssel ins Schloss steckte, prüfte ich im Glas der Tür, ob ihr dunkelroter Lippenstift irgendwo Spuren hinterlassen hatte. Meggie liebte diese Farbe. Doch das würde ihr sofort auffallen. Ich sah nichts, also schloss ich auf. Meine Tasche ließ ich achtlos in den Flur fallen. Nachher würde Sue sie in ihrem Aufräumwahn wegräumen. Ich hatte Hunger und das Knurren meines Magens führte mich direkt in die Küche. Sie stand am Waschbecken und putzte Salat. Ich lächelte, betend, dass ich wirklich keinen Lippenstift übersehen haben möge, und schnupperte. Es roch gut.
Kaum, dass ich mich an den Küchentisch gesetzt hatte, begann Sue zu reden. Sie erzählte von unserer Nachbarin, die gestürzt war. Von einem kleinen Katzenbaby, das sie gesehen hatte. Davon, dass sie sich auf Weihnachten freute. Dass sie schon ein Geschenk für mich hatte. Dass sie noch etwas für ihren Neffen zum Nikolaus bräuchte. Dass ihre Schwester morgen vielleicht vorbeikommen würde. Sie redete über banale Dinge, aber für sie war alles wichtig. Alles erwähnte sie, ließ keine Einzelheit ihres Tages aus. Während Sue den Salat klein schnitt, redete sie weiter. Jetzt sprach sie von der Dekoration. Das ganze Wohnzimmer versank unter roten und goldenen Dekoartikel. Hirsche, Kugeln, Engel, Tannenbäume, Sterne, Herzen…. Der Raum glich einem Weihnachtsmarkt. Trotzdem überlegte sie lautstark, ob sie nicht noch mehr dekorieren sollte. Das Zimmer wirkte so leer und kalt und unpersönlich, sagte sie.
Dann begann Sue von dem furchtbaren Einkauf zu reden, den sie gehabt hatte. Sie war losgefahren, hatte aber keine Pinienkerne bekommen. Also musste sie in einen anderen Laden gehen. Der hatte aber keine Himbeermarmelade, weshalb sie wieder zurück musste. Dann hatte sie ihre Einkaufliste nicht mehr gefunden. Deswegen hatte sie im nächsten Laden die Tiefkühlsachen vergessen. Als sie die Liste gefunden hatte, musste sie zurück in den ersten Laden. Danach taten ihr die Füße weh. So ging es weiter. Sie regte sich über einfachste Dinge auf. Über einen dunkeln Fleck auf der Tapete. Eine stumpfe Schere. Eine leise summende Glühbirne.
Sue erzählte mir von ihrem Tag. Und nicht ein einziges Mal fragte sie mich, wie meiner gewesen war. Ihr andauerndes Gerede ließ ihr keine Zeit dazu. Und das machte mich wütend. Mit einem Mal war sie nicht mehr so unfehlbar und perfekt.
Ihr Ton war zu hoch und sie sprach zu laut. Ihre Gesten waren zu tollpatschig. Ihr Charakter voller Makel. Sie war zickig und egoistisch.
Ich murmelte: „Ich hab sie geküsst.“
Doch mein leiser Einwand ging in ihrem schier unendlichen Redefluss unter. Sie redete unbeschwert weiter. Wütend hob ich die Stimme: „Ich habe sie geküsst!“
Für einen Moment zuckte ihr Mund. Sie ließ vom Dressing ab und sah mich an. Endlich war sie ruhig, doch nicht lange. Ihre Stimme zitterte.
„Wie bitte?“
„Ich habe…sie geküsst.“, wiederholte ich abermals. Ihre Augen wurden groß und sie wollte etwas sagen, doch ich schnitt ihr das Wort ab: „Ja, ganz richtig! Ich habe eine andere geküsst. Und wenn du es genau wissen willst: Nicht nur geküsst. Ich habe dich betrogen. Ich! Habe! Dich! Betrogen!“, schrie ich. Und es war mir egal, wie sie fühlte.
Eine Tränenspur zog sich langsam ihre Wange herunter. Eine zweite. Sie stand da, und war endlich einmal ruhig. Tränen liefen über ihr Kinn und tropften auf den Boden, auf ihre Schultern.
Ich stand auf. Kramte kurz in meiner Jacke. Das Taschentuch, das ich zutage gebracht hatte, drückte ich ihr in die Hand.
„Ich habe sie geküsst.“
Sie schluckte.
„Ich liebe dich nicht mehr.“
Sie zuckte zusammen.
„Weil du nie aufhörst zu reden.“
Sie sank benommen gegen die Wand. Ich ging aus der Küche, zog einen Mantel über und trat aus der Wohnung. Draußen war die Weihnachtsbeleuchtung angeknipst und ich schlenderte durch die Straße um Meggie ein paar Rosen zu kaufen.

Cally
12.12.09 21:46
 


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