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Vater unser



Der Richter war weiß. Der Staatsanwalt war weiß. Die Geschworenen waren weiß. Alle Angehörigen und Zeugen waren weiß. Sogar mein gottverdammter Verteidiger war weiß. Nur ich nicht. Meine Haut war so dunkel wie das Mahagoni des Richtertisches.
Und genau deshalb war ich jetzt hier, saß auf der Anklagebank. Vor Gericht, wegen dem angeblichen Mord an einer weißen Mittvierzigerin namens Shirley Grayer. Ich hatte die Frau noch nie gesehen und für den Tatzeitpunkt konnte meine Mutter mir ein Alibi geben. Aber das war der Staatsanwaltschaft egal.
Ich war wegen Diebstahls vorbestraft und in der Gegend gewesen. Das reichte. Außerdem hatte man einen Mann meiner Größe bei Mrs. Grayer gesehen. Die Schlussfolgerung: Ich war schuldig.
Geld für einen Anwalt hatten wir nicht, deshalb bekam ich vom Gericht einen gestellt. Mitchell Parker.
Ein weißer Patriot, bestrebt die Welt von Missetätern zu befreien. Er plädierte auf schuldig, allerdings war ich, seiner Aussage nach, nur beschränkt handlungsfähig, da ich ‚wie des Öfteren zu viel Alkohol’ zu mir genommen hatte.
Das Gericht überging diesen Einwand und nach nur zehn Minuten erklärten mich die Geschworenen einstimmig für schuldig.
Drei Wochen sollte es dauern. Dann würde ich auf der ‚Death Zone’ meine letzten Schritte tun. Man würde mich auf eine Bank schnallen und drei Männer würden hereinkommen. Natürlich weiß. Jeder hätte eine Spritze dabei. Zwei mit Kochsalzlösung. Eine mit tödlichem Gift, welches mir direkt in den Blutkreislauf gespritzt werden würde. Es würde mein Herz erreichen und lahm legen. Ich würde qualvoll, wie so viele unschuldige Farbige vor mir, auf der Bank sterben. Die Männer würden beruhigt nach Hause gehen, alle drei in der Annahme, in ihrer Spritze sei lediglich Kochsalz gewesen. Ich hoffte inständig, dass es irgendwann ein Mann nicht mehr aushielt. Immerhin bestand so oft die Möglichkeit, dass er einen Menschen getötet hatte. Zwar nur einen Farbigen, aber immerhin einen Menschen.
Der Mann würde sich von einer Autobahnbrücke stürzen. Irgendwas in der Richtung. Ich hätte das schon längst getan.
Aber jetzt saß ich, für drei lange, unendlich lange Wochen, auf der schmalen Pritsche meiner kleinen Zelle und musste warten. Warten auf den Tod. Warten, auf das Gefühl, wenn das Gift durch meine Adern rauscht. Auf das letzte Schlagen meines Herzens. Auf den letzten qualvollen Kampf. Ich musste drei Wochen auf meinen Tod warten.
Sie hatten mir eine ältere Dame, eine Nonne zugewiesen. Viermal in der Woche kam sie vorbei, betete mit mir bei Gott für Erlösung. Sie war sehr klein und rund, hatte ergrautes, krauses Haar, und erinnerte mich an eine Großmutter aus Kuchenwerbungen. Sie war unglaublich gutherzig und mitfühlend. Ihre rot geschminkten Lippen, die immer ein Lächeln für mich hatten, stachen aus ihrem hellen Gesicht heraus.
Meine Mutter durfte mich nicht besuchen, ebenso wenig mein kleiner Bruder oder meine Schwester, die noch ein Baby war. Sie alle mussten die Tage zählen und warten – so wie ich. All das erzählte ich der Nonne, Miss Waystardegne.
Sie hielt meine Hand, all die Male die ich vom Weinen zuckte. Sie strich über meine Seele, mit ihren Gebeten. Sie brachte mir das ‚Vater Unser’ bei.
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.
Ich weiß nicht, wie oft ich es mir vorsagte, während ich Nacht um Nacht neben meiner Holzpritsche saß und nicht schlafen konnte. Ich sagte es, wenn die Wärter mir verächtliche Blicke zuwarfen. Ich sagte es, bevor ich aß. Bevor ich trank. Ich sagte es am Tag, der von der Nacht kaum zu unterscheiden war. Müde, mit geschundenem Rücken, saß ich auf dem Boden und betete. Ich hielt die Augen geschlossenen, versuchte Minuten, Stunden, Tage zu zählen, mich abzulenken, doch vergeblich.
Mir gingen einige Dinge nicht aus dem Kopf. Das Gesicht meiner Mutter, als ich abgeführt wurde. Ihre Tränen, die ihr schmales Gesicht hinunterliefen. Meine schlafende Baby – Schwester, deren Atem ich nie wieder hören würde, während sie auf meinem Bauch döste. Meinen kleinen Bruder, der den Richter wütend angeschrieen hatte, bis er aus dem Saal geworfen wurde. Sein Blick, voller Trauer, Liebe und Entsetzen, den er mir zuwarf. Seine Lippen formten einen Satz, den letzten den er jemals sprechen würde: ‚Ich werde schweigen, bis du wiederkommst!’.
Die Verachtung in den Augen des Richters. Die Gefühllosigkeit in den Gesichtern der Geschworenen. Die Blicke von überall.
Ich konnte sie fühlen, wenn ich versuchte zu schlafen. Sie würden mich nie loslassen, das wusste ich.
Irgendwann merkte ich, dass Miss Waystardegne’s Blicke leerer wurden. Ihre Stimme leiser, ihr Händedruck fester. Ich hatte mich in den Tagen verloren, strauchelte wie ein verletztes Reh durch das Gefängnis, auf der Suche nach Zerstreuung. Doch ihre Blicke sagten alles, ihre Hände verrieten zu viel.
Ich brauchte sie nicht fragen. „Drei Tage“, murmelte sie leise, bevor sie ging. Sie würde mich begleiten, wenn ich wollte, würde sie mir auch bei meinem letzten Kampf mit göttlicher Liebe beistehen. Doch ich wollte nicht. Sie litt unter meiner Bürde, meine Trauer war ebenso die Ihre, ich konnte sie nicht vollends in die geistige Zerstörung treiben. Ich wollte sie schützen.
Die Tage vergingen, als ob sie rennen würden, rannten an mir vorbei, ich wurde unruhig. Wie ein ausgehungertes Raubtier tigerte ich haltlos durch die Zelle, ich verhaspelte mich immer öfter bei den Gebeten. Ich konnte nachts kaum ein Auge zu tun. Ich versucht, das Gesicht meiner Mutter in meinem Kopf zu verankern. Ein glückliches Bild, ihr erschöpftes Lächeln, bei der Geburt meiner Schwester. Doch alles was ich fand, war ihre haltlose Trauer, ihr bodenloses Entsetzen, ihre flammende Wut auf das Gericht, ihr Hass auf diese falsche Gerechtigkeit.
Ich wünschte sie könnte meine Hand halten. Nur noch ein mal.
An ihrer statt, umfasste meine Hand nun die von Miss Waystardegne, während ich auf meinen Tod zuschritt. Ich hielt den Kopf erhoben, doch meine Hände zitterten, als wären sie Espenlaub im Wind.
In dem Raum war es eisig kalt, er war steril und weiß, das Bett erinnerte mich an das in einem Krankenzimmer – nur das dieses hier Hand- und Fußfesseln besaß.
Vor der Tür wies ich die Nonne an zu gehen. Ich betete innerlich, doch mein Mund konnte keine Wörter formen. Sie nickte, und ihre Tränen ließen alles hier wieder etwas menschlicher erscheinen.
Erst als Miss Waystardegne fort war, banden sie mich auf dem Bett fest.
Drei Männer traten ein, erwartete Männer. Mit Spritzen.
Mein Kopf betete in Windeseile.
Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Amen. Amen.
Ich beichtete alle meine Vergehen, und beschwor meine Unschuld. Drei Spritzen - drei Piekse.
Ich schloss die Augen. Ich konnte und wollte die Gesichter nicht sehen. Und ich wollte nicht, dass sie meine Angst und Verzweiflung sahen. Ich wollte es ihnen nicht noch schwerer machen.
Ich ballte ergeben die Hände zu Fäusten. Drei kleine Piekse.
Und in wenigen Momenten war mein Leben vorbei.

Cally
20.11.09 18:26
 


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