Paperback Writers

Nachts am Weiher



Die Nacht war niemals dunkler gewesen. Und niemals kälter. Eine Novembernacht, wie sie im Buche stand.
Das kleine Dorf am Austinweiher hatte sich der Nacht gefügt und schlief.
So würde niemals jemand von dem Mann erfahren, der mit gesenktem Kopf am Ufer des Weihers stand. Am Tag zuvor hatte es geregnet, deshalb stand das Wasser bedenklich hoch. Doch davon bemerkte der Fremde nichts. Er war nicht aus dem Dorf, soviel war sicher.
Die eine Hand hatte er in der Jackentasche vergraben, die andere hielt den blauen bis oben hin gefüllten Müllsack, den er neben sich auf dem aufgeweichten Boden abgestellt hatte. Seine Schuhe hatten sich mit Wasser vollgesogen und die Kälte legte sich um ihn.
Der Weiher lag in völliger Finsternis. Das einzige Licht war der Mond, der sich auf der glatten Oberfläche spiegelte. Sein schwacher Schein reichte nicht einmal, die eigene Hand vor Augen zu erkennen.
Der Fremde atmete keuchend. Aus Gewohnheit hielt er die Tränen zurück, obwohl niemand sie gesehen hätte. Ein kalter Windstoß legte ihm eine Gänsehaut auf die Arme.
„Mein Leben war perfekt“, sagte er plötzlich in die Nacht hinein. Langsam hob er den Kopf an und richtete den Blick ins schwarze Nichts.
„Es war perfekt.“
Seine Stimme wankte und stolperte fast.
„Mein Leben war perfekt“, wiederholte er lauter.
Er holte tief Luft und schleuderte seine Stimme über den Weiher: „PERFEKT!“
Irgendwo in einem Baum erschrak eine Eule und flatterte entrüstet mit den Flügeln.
Die Atemzüge des Fremden wurden regelmäßiger. Wahrscheinlich hatte er das nötig gehabt. Die erste Welle der Wut war gebrochen.
Sein Kopf sackte wieder auf seine Brust. Er spürte den Müllsack in seiner Hand, doch wollte nicht hinschauen. Wenn er an den Inhalt dachte, zog sich alles in ihm zusammen. Er schnappte nach Luft, um die Tränen zu überspielen.
„Und jetzt?“ Eine Frage, deren Antwort niemand geben wollte.
„Was ist mir geblieben?“
Ein voller Müllsack. Das war alles, was ihm geblieben war. Ein voller Müllsack und ein Kopf, überquellend vor Erinnerungen. Schmerzhafte Erinnerungen. Schmerzhaft und zugleich wichtig. Wichtiger als alles andere auf der Welt.
Er spürte, wie seine Knie unter der Last seiner Erinnerungen einknicken wollten. Am liebsten hätte er sich selbst in den Weiher fallen lassen, dann wäre alles einfacher gewesen.
Stattdessen besann er sich darauf, weshalb er hergekommen war. Er packte den Müllsack mit beiden Händen und öffnete ihn mit einem Ruck. Es musste sein. Nicht eine Minute länger konnte er mit diesem Zeug leben – Zeug. Es war mehr als Zeug. Es war sein Leben. Doch seinem Leben war der Inhalt brutal entrissen worden, deshalb musste er es zurücklassen. Vielleicht ein neues beginnen, irgendwann. Daran konnte er jetzt noch nicht denken.
Wie in Trance griff seine Hand nach dem Erstbesten, was ihr in die Finger kam. Ein Teddybär, das wusste er, obwohl er es in der Dunkelheit unmöglich erkennen konnte. Ein Teddybär mit hellbraunem Fell, treuen Augen und einem kleinen, aufgestickten Herzen auf der Brust. Eine Weile lang weilte sein Blick auf dem Bären. Er musste sich zwingen, endlich wegzuschauen.
Die zweite Welle Wut kam angerollt. Zusammen mit Trauer. So viel Trauer, dass es ihn um den Verstand brachte.
Mit aller Kraft holte er aus und schleuderte den Bären von sich. Ein sanftes Platschen sagte ihm, dass er die Weiheroberfläche durchbrochen hatte.
Vom plötzlichen Wahnsinn gepackt griff seine Hand erneut in den Müllsack. Eine Barbiepuppe mit blonden Haaren und kurzem Kleid. Sie hatte ihre Puppen geliebt.
Platsch.
Ein Bilderrahmen mit einem Familienfoto. Das war im Sommer ’07 gewesen, er erinnerte sich ganz genau.
Platsch.
Ihre Lieblingsohrringe. Blaue, funkelnde Steine, mit Gold umfasst. Er hatte sie ihr zum Hochzeitstag geschenkt.
Platsch.
Die Tränen liefen ihm nun unaufhaltsam die Wangen hinunter. Ein Zittern durchfuhr ihn. Sein Schluchzen hielt die kühle Stille auf Abstand.
Er ballte all seine Kraft und schleuderte den ganzen Sack weit von sich.
„Weg damit! Weg! WEG!“
Er hatte erwartet, sich ein kleines bisschen befreit zu fühlen.
Doch eigentlich wusste er es.
Er konnte diese Gegenstände versenken, doch die Erinnerungen blieben. Für immer.
Und so blieb er bis zum Morgengrauen, so lange, bis das kleine Dorf erwachte, und schaute über die spiegelglatte Oberfläche des Weihers, die sich nach und nach in den Farben des Himmels färbte.


Umbrella
16.11.09 18:22
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen


Gratis bloggen bei
myblog.de

Startseite Gästebuch Archiv Abonnieren
"Schreiben ist das Dampfventil der Seele."
(Hermann Lahm)

Was ist PBW? Die Schreiber
"Es gibt Leute, die nachdenken, um zu schreiben. Wieder andere schreiben, um nicht nachdenken zu müssen."
(Charles Joseph Fürst von Ligne)


nach Genre


Scraps/Ideen Kurzgeschichten Projekte Lyrik

nach Autor


Cally Ochrasy Umbrella