Paperback Writers

Ich bin so fett



Für die Besten: Umbrella und Lennart

Zitternd wankte Claire zur Tür. Ihr stand der kalte Schweiß auf der Stirn, jetzt schon röchelte sie, spürte Unmengen Spucke im Mund. Vorsichtig und leise drehte sie den Schlüssel im Schloss. Da es ruhig war taumelte Claire wie eine Betrunkene zur Kloschüssel. Gerade wollte sie sich den Finger in den Hals stecken, als es von alleine begann. Sie übergab sich. Der sauer riechende Schwall halb verdauten Essens schien kein Ende zu nehmen.
Ihr dünnes, sprödes Haar hielt sie mit der einen Hand fest, mit der anderen umklammerte das Mädchen die Toilettenbrille, trotzdem fiel sie fast um. Als es endlich aufhörte, verschwamm alles vor ihren Augen, noch einmal spuckte sie in das Porzellanbecken, betätigte die Spülung, dann setzte sie sich auf den Boden. Claire lehnte den Kopf gegen die kühle Wand und versuchte ruhig zu atmen. Es klappte nicht. Und noch immer rumorte ihr Magen. Diesmal war es heftiger gewesen als sonst. Nicht nur das Erbrechen, auch das Essen davor.
Die Neunzehnjährige erhob sich und schwankte wieder aus dem Bad, hinein in ihre Zimmer. Es sah aus wie ein Schlachtfeld. Überall auf dem Boden verstreut lagen Bonbon- und Schokoladenriegelverpackungen, unzählige Colaflaschen standen herum. Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich große Türme mit Take – Away - Verpackungen vom Chinesen zwei Straßen weiter. Sie kickte mehrere Familienpackungen Eis zur Seite und bahnte sich einen Weg durch die Chipstüten zu ihrem Bett, auf welches sie sich sinken ließ. Auf dem Nachttisch stand, begraben von Verpackungsresten, ein Wecker. Noch eine Dreiviertelstunde, dann würde ihre Mutter zu Hause sein. Bis dahin musste sie das Chaos beseitigt haben. Doch sie konnte sich einfach nicht dazu aufraffen. Noch immer drehte sich alles vor ihren Augen. Ein paar Minuten blieb sie noch untätig sitzen, mit klopfendem Herzen, dann zwang sie ihre müden Beine dazu, ihren Körper hoch zu hieven. Als sie sich wankend an ihrem Schrank abstützte, fiel beinahe der Bilderrahmen um. Hinter dem Glas, eingerahmt von dunkelblauem Holz, war ein Foto von ihr und ihrem Exfreund.
Peter war süß, neu an der Schule und ein super Typ. Claire hatte sich auf Anhieb in ihn verknallt. Für jeden Kurs den die beiden zusammen hatten, hatte sie sich nachgeschminkt, ihr Dekoltee zurechtgerückt und die Haare gekämmt. Bei ihren bis ins kleinste Detail einstudierten Bewegungen, Haare zurückstreichen, lüstern lächeln, waren reihenweise Jungs schwach geworden – nur nicht Peter. Einmal hatte sie ihn auf einer Party getroffen. Er war betrunken, sie war betrunken…und leicht bekleidet. Knutschend waren sie in den Garten getorkelt, räkelten sich im nassen Gras. Mehr war aber nicht passiert und das hatte Claire fuchsteufelswild gemacht. Als sie Peter am nächsten Tag darauf angesprochen hatte, hatte er ihr erklärt, dass er sie mochte - ihm aber eindeutig zu dick war.
Für Claire war das wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Sie war schlank, hatte aber weibliche Rundungen an der Hüfte und ein üppiges Dekoltee vorzuweisen. Jeder Junge stand auf sie, wirklich jeden hätte sie haben können. Aber Peter, den einzigen, der auf ihre Vollweib-Masche nicht abzufahren schien, den wollte sie haben. Und sie musste ihn bekommen!
Zuerst hatte sie damit begonnen, radikal Diät zu halten. Fast eine Woche lang hatte sie täglich einen Apfel und ein halbes Glas Milch zu sich genommen. Obwohl sie wegen Mangelerscheinungen beinahe umkippte, kam sie zur Schule. Ihre Jeans waren allesamt zu weit gewesen, weshalb sie Kleider trug, die sie auf dem Dachboden gefunden hatte – damals war sie zwölf. Und endlich zeigte Peter Interesse. Er erzählte ihr, was er an Mädchen mochte – Laufstegdünne Models machten ihn an. Und sie wollte so eines werden.
Leider hatte ihre Mutter ein Wörtchen mitzureden. Nachdem sie ohnmächtig zusammengebrochen und mit Mangelerscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert worden war, verbot sie Claire, jemals wieder eine Diät zu machen.
Man päppelte sie auf und – ruck zuck – hatte sie ihr altes Gewicht zurück. Peter ignorierte sie. Doch das spornte Claire nur noch mehr an. Heimlich studierte sie die Ernährungspläne von Models und Schauspielerinnen, klebte sich Poster von Keira Knightley und Nicole Richie an die Wände – und begann zu essen.
Sie konnte nicht sagen, wann es angefangen hatte. Irgendwo hatte sie eine Seite gefunden, für Mädels die gerne abnehmen wollte. Der Werbeslogan war pink glitzernd gewesen und die Methode versprach ‚Modelmaße in wenigen Tagen’. Sofort hatte Claire sich angemeldet, bekam einen Button mit der Aufschrift ‚Pro Mia’ geschickt. Sie hatte zwar keine Ahnung, was das sein sollte, aber sie würde alles machen, um dünn zu werden.
Die anderen Mitglieder der Seite verrieten Claire ihr Erfolgsgeheimnis: Kotzen.
Und so fing sie an zu essen was das Zeug hielt. Ihre Mutter betrachtete glücklich, wie Claire sich jeden Abend Essen auf ihren Teller lud und genüsslich zu sich nahm. Zwar musste sie sich bei jedem Bissen zwingen, nicht zu weinen; sie war einfach Essen nicht mehr gewohnt, doch ihre Mutter glaubte ihr.
Nach dem Essen musste sie nur ein wenig warten, bis ihre Mutter zur Spätschicht ins Krankenhaus fuhr.
Dann schlich sie sich ins Badezimmer. In ihrem Schminkkoffer lag eine pinke Plastikzahnbürste. Es hatte sie beim ersten Mal enorm viel Überwindung gekostet, den Plastikstil tief in den Hals zu stecken. Doch, genau wie ihre Pro Mia - Freundinnen gesagt hatten: Wenn du es erstmal geschafft hast, wirst du schlank werden. Fast eine Minute musste sie ihren Gaumen reizen, bis es funktioniert hatte. Keuchend übergab sie sich in die Toilette.
Sie hatte den Moment schon immer gehasst, den Moment in dem der Schwall halb - verdauten Essens ihre Kehle hinaufstieg. Danach fühlte sie sich elend und erschöpft. Zitternd holte sie ihre Kamera, fotografierte ihre Kotze und spülte. Das Bild stellte sie ins Netz. Es war so etwas wie die Mitgliedslizenz. Und kurz darauf antwortete ihr die Vorsitzende des Clubs, Mandy. Sie hieß sie im Pro-Mia Club herzlich willkommen. Endlich gehörte sie dazu.
Nachdem der Damm der Überwindung einmal gebrochen war, hatte sie kein Problem mehr mit dem Kotzen. Es ging leicht und sie bekam schnell den Dreh raus, wie sie den Brechreiz möglichst zügig hervorkitzelte.
Erst machte sie den Fehler, nach jeder Mahlzeit zu kotzen – das verbrauchte nicht nur Kraft, sondern auch Zahnpasta. Denn der widerliche Geschmack klebte hartnäckig an den Zähnen. Jetzt feierte sie abends regelrechte Fressorgien. Und das kotzen wurde von mal zu mal einfacher. Häufig blieb die Zahnbürste unberührt.
Nach einigen Tagen zeigte sich die Wirkung. Claires BH war gut eine Körbchengröße zu groß, ihre Jeans rutschten unerbittlich und immer öfter holte sie alte Kleider aus ihrer Kindheit vom Dachboden. Die Ferien hindurch gab die Bulimie ihr Halt, war fester Bestandteil ihres Tages – und als die Schule wieder anfing, war sie mit Peter zusammen.
Claire und er schliefen häufig miteinander. Er sagte, ihre Knochen zu sehen, würde ihn anturnen. Seine Berührungen waren grob und häufig hinterließ seine Lust blaue Flecke. Doch es war ihr egal, denn endlich hatte sie, was sie wollte.
Aber Peter schien es nicht zu kümmern, wie sehr sie sich für ihn aufopferte, wie oft sie für ihn durch die Hölle ging. Nachts lag sie im Bett, ihr ganzer Körper, sogar ihre Haare taten weh. Ihre Haare…das war noch so eine Sache.
Claire hatte schon immer volles, langes Haar gehabt, in einem wundervollen Honigblond. Seit sie Bulimikerin war, wurden ihre Haare strähnig und dünn, das blond wirkte fahl. Auch ihre blauen Augen hatten viel vom einstigen Strahlen eingebüßt. Doch Claire ließ keine Zweifel zu. Sie tat es für Peter. Nicht für sich. Das redete sie sich ein. Und langsam begann sie, die Welt mit seinen Augen zu sehen.
Manchmal traute sie sich nicht vor den Spiegel. Ihr ausgemergelter Körper erschien ihr fett, die knochige Hüfte zu dick und die spindeldürren Oberarme wie aufgequollen.
Also trieb sie sich immer weiter an, kotzte mehr als sie aß und trieb Sport wie eine Besessene. Manchmal war sie einer Ohnmacht nahe. Wollte aufhören. Das Essen nicht mehr auswürgen. Doch sie konnte nicht mehr in Maßen essen. Konnte nicht mehr nicht kotzen. Es war ein verdammter Teufelskreis und sie hatte sich selbst hineingeritten.
Und dann war es passiert. Einfach so. Er hatte gesagt, dass es vorbei ist. Ohne Trauer in den Augen. Sie schien ihm egal zu sein, sie und ihre Tortur. Peter hing jetzt jede Minute mit Tiffany rum. Tiffany war größer als Claire, dünner als Claire und perfekter als Claire. Ihre minisize Kleider waberten wie Bettlaken um ihre Skelettartige Statur und Claire musste sich eingestehen, dass Peter allen Grund hatte, sie sitzen zu lassen. Ihre Oberschenkel waren zehnmal so breit wie Tiffanys. Tiffanys Hände ließen jeden Knochen erkennen, Claires waren viel zu dick dafür.
Wenn sie sich im Spiegel sah, war da immer diese Frage: Wieso war sie so fett? Wieso?
Also kotzte sie. Und jedes Mal, wenn sie danach, sie fühlte sich wie tot, röchelnd über der Kloschüssel hing, sah sie Peters Gesicht und Tiffanys Körper. Er musste ihr wieder gehören. Sie musste dünner werden.
Jetzt stand sie da, starrte Peters perfektes Profil an und wünschte sich, ihr Hals wäre genauso sehnig und schlank wie Tiffanys. Während sie das Bild anstarrte, rumorte ihr Magen. Alles krampfte sich zusammen. Sie erbrach ihren eigentlich leeren Magen in das Chaos ihres Zimmers. Wieder und wieder. Als es endlich aufhörte, sie es in ihrem Kopf rauschen hörte, kippte sie um. Schlug auf den Boden auf. Wie im Traum bekam sie nur halb mit, dass ihre Mutter kam. Dass sie hysterisch kreischte. Das laute Martinshorn des Krankenwagens dröhnte hundertmal lauter in ihren Ohren. Alles drehte sich. Die Rettungssanitäter verschwommen vor ihren Augen. Das Innere des Krankenwagens war nicht scharf zu erkennen. Jemand fühlte ihren Puls. Sie betrachtete ihr Handgelenk.
„Seht mich an. Ich bin so fett.“

Cally
15.11.09 19:19
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen


Gratis bloggen bei
myblog.de

Startseite Gästebuch Archiv Abonnieren
"Schreiben ist das Dampfventil der Seele."
(Hermann Lahm)

Was ist PBW? Die Schreiber
"Es gibt Leute, die nachdenken, um zu schreiben. Wieder andere schreiben, um nicht nachdenken zu müssen."
(Charles Joseph Fürst von Ligne)


nach Genre


Scraps/Ideen Kurzgeschichten Projekte Lyrik

nach Autor


Cally Ochrasy Umbrella