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Er hatte gesagt: Zoey...



Die Stille der Nacht gab ihr das Gefühl, taub zu sein. Die Kälte klammerte sich an ihre Hände wie ein trotziges Kleinkind, weigerte sich, sie auch nur für einen Moment gehen zu lassen. Mit jedem Atemzug erschienen kleine weiße Wölkchen vor ihrem Mund, und mit jedem Atemzug wurden ihre rauen Lippen trockener. Sie zog verärgert eine Grimasse – und ihre Lippe platzte auf. Erschrocken fuhr sie mit der Zunge über die Blessur. Sie schmeckte warmes, salziges Blut und spuckte es angewidert auf den Boden. Sie hätte gerne auf die Uhr gesehen, aber es war zu kalt, um die Hand aus der Tasche zu nehmen, in die sie sie vergraben hatte. Und eigentlich wusste sie es auch ohne Uhr: Er war zu spät. Viel zu spät. Er würde nicht mehr kommen, und das wusste sie. Er würde nie mehr kommen.
Er hatte ihr gesagt, dass er nie mehr kommen würde. Er hatte gesagt: „Zoey, es ist vorbei.“ Und dabei hatte er sie nicht angesehen. Er hatte sie so selten angesehen.
Trotzdem wollte sie es einfach nicht wahrhaben. Wollte sich nicht eingestehen, dass sie ihn verloren hatte. Das konnte nicht sein. Zoeys Gedanken schweiften zurück, zurück zu der Zeit, in der er noch lachend ihre Hand gehalten hatte. In der er ihr Haar liebevoll und mit einem wunderbaren Lächeln auf den Lippen zerstrubbelt hatte. In der er ihr gesagt hatte: „Zoey, du bist wundervoll.“
Jetzt redeten sie nicht mehr so oft. Eigentlich redeten sie nie. Bis auf das eine Mal. Sie hatte ihn schon zum hundertsten Mal angerufen. Sie rief ihn immer an. Und er rief nie zurück. Doch einmal, dieses eine Mal, hatte er zurück gerufen. Er hatte gesagt: „Zoey, lass uns das beenden.“
Er wollte das ganze ein für alle mal abschließen. Alles hinter sich lassen – sie hinter sich lassen. Er wollte sich hier mit Zoey treffen, hier im Wald, mitten in der Nacht. Im Dunkeln. Er mochte die Dunkelheit, sie nicht. Doch das war ihm egal. Ihm war vieles egal. Auch, dass sie ihn liebte. Bevor er aufgelegt hatte, hatte er nur gesagt: „Zoey, du liebst mich nicht.“
Und sie liebte ihn doch. Aber jetzt stand sie hier, von der Stille taub und von der Kälte zerfressen. Sie wagte einen Blick auf die Uhr. Natürlich, er war zu spät. Schon eine Stunde. Zoey stopfte resigniert ihre Hände zurück in die Manteltaschen. Sie drehte sich um. Langsam – falls er doch noch kommen würde. Noch langsamer, das Gefühl war aus ihren Beinen gewichen und jede Bewegung tat weh. Er kam nicht. Nicht, als sie sich umgedreht hatte. Nicht, als sie den Waldrand erreicht hatte. Und auch nicht, als sie vor ihrer Haustür stand. Ihre Haustür. Ein Schild klebte neben der Klingel, ein gelber Post-It. Zoey und Josh. Er hatte immer gesagt: „Zoey, das ist unser Zuhause.“
Jetzt war es nur noch ihr Zuhause und es war groß und kalt und grau und leer ohne ihn. Und sie wollte ihn zurück. Aber er war nicht gekommen. Er hatte sie im Wald stehen gelassen. Wie betäubt zog sie Schuhe und Mantel aus. Noch immer fühlten sich Zoeys Beine an wie Eisklötze. Der Anrufbeantworter zeigte keine Nachrichten. Warum war er nicht gekommen? Sie wählte die vertraute Nummer seines Handys. Langsam. Mit halb erfrorenen Händen. Er schien zu wissen, wer anrief und er wusste auch, was sie wollte.
Und er sagte: „Zoey, sieh es ein. Ich habe dich nie geliebt.“
Dann legte er auf, und Zoeys Welt war endgültig zerbrochen.


Cally
14.11.09 02:37
 


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